Kino

Molly von Fürstenberg: "Ich bin immer auf Risiko gegangen"

Produzentin Molly von Fürstenberg, gerade mit dem Ehrenpreis beim Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet, über ihre Anfänge und Erfahrungen.

21.01.2016 15:54 • von Jochen Müller

Produzentin Molly von Fürstenberg, gerade mit dem Ehrenpreis beim Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet, über ihre Anfänge und Erfahrungen.

Herzlichen Glückwunsch! Wie fühlt man sich als Ehrenpreisträgerin?

Ach, ich bin froh, dass es vorbei ist! Ehrlich gesagt, begreife ich das noch gar nicht, das kommt sicher erst mit der Zeit. Ich war eigentlich immer nur aufgeregt. Mein Mann hat meine kleine Dankesrede aufgenommen, und als wir sie angeschaut haben, habe ich mich gefragt: Was ist das für eine Person da auf der Bühne?

Wie waren Ihre Anfänge im Filmbusiness?

Ich war mit Rainer Werner Fassbinder auf der Schauspielschule, wir waren befreundet, bevor er berühmt wurde. Mein erster Film mit ihm war Rio das Mortes" (1970), da habe ich das Script gemacht, bei Warnung vor einer Heiligen Nutte" Script und Garderobe. Das war lustig, weil ich mit Eddie Constantine viel unterwegs war, wir hatten uns sehr gern.

Ihr Spitzname Molly soll ja auch von Fassbinder stammen.

Obwohl ein anderer ebenfalls behauptet, ihn erfunden zu haben. Es kann Rainer gewesen sein oder der andere ... Ich habe das jedenfalls gern angenommen, weil es nicht so spröde klingt wie Kerstin.

Sie hatten damals noch nicht das Berufsziel Produzentin?

Nein, um Gottes Willen. Ich war befreundet mit Michael Fengler, der mit Thomas Schamoni den Filmverlag der Autoren ins Leben gerufen hat. Michael hat Rainer durch mich kennengelernt. Er kam bei seinem zweiten Film dazu, ich später. Michael war sozusagen die intellektuelle Seite von Rainer. Im Filmverlag habe ich Denyse Noever getroffen und mit ihr an Hans Noevers Zahltag" gearbeitet, ich hatte eine kleine Rolle und die Filmgeschäftsführung inne. Während des Films entstand der Gedanke, ob man nicht zusammen mit ihrer Schulfreundin Elvira Senft etwas auf die Beine stellt. Ich lernte damals im Filmverlag meinen Mann Veith von Fürstenberg kennen, war gerade 30 - es war eine entscheidende Zeit.

Haben Sie den Schritt in die Selbstständigkeit auch als Befreiung erlebt?

Absolut. Wir wollten etwas Eigenes auf die Beine stellen. Und waren völlig angstfrei.

Mit der Gründung von Olga Film vor über 40 Jahren sind Sie auch in eine Männer­domäne eingedrungen.

Ja, aber so haben wir das nicht empfunden. Man brachte uns sehr viel Wohlwollen ent­gegen. Und Regina Ziegler war auch schon vor uns da.

Wie denken Sie heute über Frauenquoten, Initiativen wie "ProQuote Regie"?

Mich beschlich bei dem Preis auch das Gefühl, dass ich plötzlich die Quotenfrau bin. Meiner Meinung nach wird das überstrapaziert. Es gibt so tolle Frauen, und ich glaube, dass sie absolut ihren Weg finden. Nicht nur aufgrund von Quoten.

Die Frau, mit der Sie die meisten Filme ­gedreht haben, Doris Dörrie, ist dafür ein gutes Beispiel.

Sie ist eine starke Persönlichkeit, nicht nur im Bereich des Films, sie schreibt auch fan­tastisch.

Sie haben auch viel fürs Fernsehen produziert, etwa "Kommissarin Lucas".

Das ist ein Baby von mir. Ich hatte die Idee mit Ulrike Kriener als Hauptdarstellerin im Kopf, und wir beide haben bei Markus Schächter vom ZDF sehr darum gekämpft.

Ist die Arbeit fürs TV anders als fürs Kino?

Es gibt eine andere Dramaturgie und es nicht so aufwendig, man muss nicht um die Finanzierung kämpfen. Wenn man das Konzept einmal durchbekommen hat, gibt es nur noch den Kampf um die Drehbücher. Aber ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu unserem Redakteur, Wolfgang Feindt, und ich war in der Entwicklung nicht allein, hatte immer Harry Kügler und später erst Ulli Weber und dann ­Arbia Said an meiner Seite.

Man hört, Sie planen ein neues Projekt.

Ich bin mitten in der Arbeit! Aber ich rede generell nicht gern über Projekte, die entstehen. Nur so viel: Es wird eine Komödie - aber nicht mit Doris Dörrie.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Was sind Ihre Lieblingsfilme?

Doris' erster Film mit Olga Film, Mitten ins Herz", mit Josef Bierbichler und Beate Jensen, und natürlich Männer". Doris und ich sind zusammen zu Heinz Ungureit gefahren und haben inständig darum gekämpft, dass wir ins Kino durften. Es war ja ein Auftrag fürs ZDF, während des Drehs stellte sich heraus, das wird ein Kinofilm. Wir haben selbst sehr viel Geld investiert und auf 35 Millimeter gedreht. Außerdem sind meine Lieblingsfilme Kleine Haie", Kirschblüten - Hanami" und jetzt Grüße aus Fukushima".

Das war sicher ein Risiko.

Wir sind sehr viele Risiken eingegangen! Jede von uns drei war einzeln voll haftend. Trotzdem waren wir angstfrei. Dazu gehört eine ­gewisse Naivität, auch etwas Unschuldiges.

Sie haben sich immer getraut, auf junge, unbekannte Schauspieler und Regisseure zuzugehen.

Ja, das war unsere Geschichte. Es hing auch damit zusammen, dass die etablierten Regisseure schon woanders waren. Die wunder­baren Autorenfilmer vom Filmverlag haben dort produziert. Wir haben dann Rainer Kaufmann, Anno Saul, Sönke Wortmann oder ­Doris Dörrie angesprochen.

Gibt es einen Film, von dem Sie heute sagen würden, der war eine Enttäuschung?

Alles inklusive". Dass das so ein totaler Flop wurde, hätte ich nie im Leben gedacht.

Haben Sie sich als Produzentin verändert im Lauf Ihrer Karriere?

Man sammelt Berufserfahrung, lernt dazu, wird so automatisch professioneller. Mit dem Älterwerden hat man auch einen anderen Blick auf die Dinge. Aber im Grunde geht es ­immer darum, wozu man steht, was man gern auf die Leinwand bringen möchte, und das hat sich nicht verändert.

Die Begeisterung fürs Kino ist noch da?

Ich bin eine absolute Cineastin. Schon immer gewesen. Mit zehn Jahren fing meine Film­begeisterung an. Wir sind aus der ehemaligen DDR nach Essen-Werden gekommen, wohnten im Haus meiner Tante. Wir waren auch Flüchtlinge damals. In unserer Straße gab es ein kleines Kino, und um ein bisschen Geld zu verdienen, durfte ich den Ton steuern. Da hab ich alles gesehen! Nie vergessen werde ich meinen ersten Film, Nicholas Rays Kriegsfilm "Entscheidung im Pazifik". Und die schrecklichen deutschen Filme der frühen 50er, mit Vico Torriani. Und natürlich Verdammt in alle Ewigkeit", großartig! Wie war ich verliebt in Montgomery Clift!

Sie sind dann neue Wege gegangen, haben Komödien ins Kino gebracht, als es noch keiner gemacht hat. Plötzlich durften auch Intellektuelle im Kino lachen! Das war auch eine Befreiung.

Ich weiß noch genau, in unserem ersten Interview mit der unvergessenen Frauke Hank haben wir gesagt: Wir drei Frauen wollen gern Komödien machen! Warum, weiß ich nicht mehr. Vielleicht auch gegen die Ernsthaftigkeit der Autoren des Filmverlags. Wir haben nicht so viel darüber nachgedacht. Die Komödien haben sich inzwischen sehr verändert, aber bei Fack Ju Göhte" habe ich auch sehr gelacht. Toll, was Lena Schömann da macht, absolut wissend, was der Zeitgeist heute ist. Aber: Meine Liebe liegt trotzdem beim Arthouse-Film! boe