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"Deutschland 83"-Produzent Winger: "Die Serie war wie ein Kind für uns"

Kurz vor Ausstrahlung der RTL-Serie "Deutschland 83" sprach Blickpunkt:Film mit Ufa-Produzent Jörg Winger über das Ausnahmeprojekt: Wie die Serie in enger Zusammenarbeit mit seiner Frau Anna entstand, warum die Bücher zunächst in englischer Sprache geschrieben wurden, wie es mit seiner Produzententätigkeit für "Soko Leipzig" weitergeht - und über eine zweite Staffel "Deutschland 83".

24.11.2015 15:53 • von Jochen Müller

Nach der Premiere von "Deutschland 83" in Berlin, einer Sondervorführung vor der EU-Kommission in Brüssel: Wie fühlen Sie sich jetzt, kurz vor Start der Serie am 26. November bei RTL?

In beiden Fällen war das Publikum begeistert, die Stimmung war toll. Wir hatten einen langen Vorlauf, nach der positiven Resonanz auf die Ausstrahlung in den USA freue ich mich jetzt darauf, die Serie auch hier zu sehen. Nichts ersetzt den Moment, wenn das Programm live im Fernsehen ausgestrahlt wird. Gerade fühle ich mehr Vorfreude als Aufregung.

"Deutschland 83" feierte auf dem US-Pay-Sender Sundance Channel Premiere, die Serie wurde sehr positiv aufgenommen. Welche Bedeutung kommt jetzt der Ausstrahlung bei RTL zu?

Für "Deutschland 83" ist die Ausstrahlung bei RTL das wichtigste Ereignis. Es ist eine deutsch-deutsche Serie, die für RTL entstanden ist. Letztendlich hängt die Verlängerung der Serie vom Ergebnis der Ausstrahlung ab. Ich finde es allerdings sehr ermutigend, das Frank Hoffmann (Programmgeschäftsführer RTL, Anm. d. Red.) auf der Bühne während der Premiere in Berlin sagte, die Quote sei nicht der alleinige Faktor. Aufmerksamkeit und Image sind heute auch eine harte Währung im Fernsehgeschäft, insofern wird die Quote eine Rolle spielen, neben all den anderen Erfolgen, die wir mit dieser Serie bereits gefeiert haben.

Zumindest hier in München scheint die Stadt zugeklebt zu sein mit Außenwerbung für die Serie. Zufrieden mit der RTL-Kampagne für "Deutschland 83"?

Ich bin mehr als glücklich darüber! Ich finde das Plakat sehr schön, auch wenn ich immer ein Fan des Sundance-Channel-Plakats war, das poppiger war. RTL hat einen anderen Aspekt der Serie in seinem Artwork thematisiert, der nicht minder authentisch die Serie wiedergibt. Übrigens wird Channel 4 in England wiederum mit einem anderen Plakatmotiv werden.

"Deutschland 83" entstand in Zusammenarbeit mit ihrer Frau, Anna Winger. Wer hat das Projekt angestoßen, gab es sowas wie einen Schlüsselmoment?

Die Ur-Idee stammt aus meiner Bundeswehrzeit, als ich Ende der 1980er Jahre meinen Wehrdienst in der Eifel ableistete. Ich lerne damals in einem dreimonatigen Crashkurs acht Stunden am Tag Russisch, um dann die sowjetischen Truppen auf der anderen Seite der Grenze in der DDR abzuhören. Von der russischen Seite empfingen wir immer wieder Grußbotschaften in unsere Richtung, die Russen wussten, dass sie abgehört wurden. Irgendjemand musste ihnen das gesteckt haben, damit stand fest: Es gibt Maulwürfe in unseren eigenen Reihen. Mit meiner Frau habe ich immer wieder über meine Erlebnisse von damals gesprochen, und ob wir einen Thriller oder eine Komödie daraus machen. Hinzu kam, dass wir obsessiv die dänische Serie "Borgen" gesehen hatten. Anna, die eigentlich Romanautorin ist, hatte sich mit drei Folgen der Serie "Soko Leipzig" warmgelaufen, die Zusammenarbeit funktioniere einwandfrei, da haben wir gesagt: "Komm, lass uns eine Serie wie 'Borgen' machen, wo es wirklich nur um die Figuren geht, die stark character-driven ist. Aus der Kombination dieser Ingredienzien haben wir "Deutschland 83" entwickelt. Und dann kam noch unsere Tochter aus der Schule nach Hause und sagte: "Wisst ihr, dass es in Berlin eine Mauer gab? Und die Mauer wurde später von den Menschen eingerissen und dann haben sich alle umarmt." Wir standen ja 1983 damals wirklich am Abgrund, zwei bis auf die Zähne bewaffnete deutsche Staaten standen sich gegenüber. Wir wollten den Blick auf dieses Happy End des 20. Jahrhunderts lenken.

Sie haben mit Ihrer Frau eineinhalb Jahre sehr intensiv an der Serie gearbeitet. Sind Sie noch ein Paar?

(Lacht). Ja.

Wie muss man sich eine solche Zusammenarbeit konkret vorstellen?

Anna kommt vom Romanschreiben, ich habe durch meine Arbeit als Produzent von "Soko Leipzig" eine große Erfahrung in Seriendramaturgie, habe bei der "Soko" auch horizontale Erzählbögen ein-gebaut. Unsere Zusammenarbeit bei "Soko Leipzig" hat uns gezeigt, dass sich unsere Qualitäten sehr gut ergänzen. Und dann haben wir viele lange Gespräche geführt. Später haben wir versucht, Regeln festzulegen, wann wir nicht über das Projekt sprechen, aber aufgrund der zeitlichen Vorgaben, die wir uns selbst gegeben haben, war das kaum möglich. Ich muss zugeben, dass uns das eine Jahr, an dem wir so intensiv mit "Deutschland 83" gearbeitet haben, etwas weggerutscht ist. "Deutschland 83" war wie ein drittes Kind für uns.

Haben Sie an der Serie mitgeschrieben?

Meine Frau und ich sind RTL sehr dankbar, dass uns der Sender den Creator Credit gegeben hat, der unsere Zusammenarbeit auf den Punkt bringt. Wir waren beide im kreativen Lead, konnten auch Regie, Kamera und Ko-Autoren aussuchen. Wir waren in einer Position, die man sonst aus Skandinavien oder den USA kennt...

...würden Sie sagen, Sie haben bei "Deutschland 83" das Showrunner-Prinzip praktiziert?

Richtig. Anna hat überwiegend geschrieben und etwas produziert, ich hauptsächlich produziert und etwas geschrieben. Anfangs entwickelten wir gemeinsam die Storylines, das ist viel dramaturgische Arbeit, da kommen viele Ideen zusammen. Wir führten viele Gespräche mit Insidern aus der Zeit, etwas mit John Kornblum, US-Botschafter unter Bill Clinton in Berlin. Wir haben mit Hans-Otto Bräu-tigam gesprochen, den späteren Leiter der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR, oder mit Lukas Beckmann, der sich bei den Grünen für die Abrüstung in Ost und West einsetzte. In einer späteren Phase arbeiteten wir mit vier Ko-Autoren in einem Writers-Room light. Das was eine tolle Zeit, viele Ideen kamen auf den Tisch von unterschiedlichen Menschen mit ihren jeweiligen Perspektiven auf das Sujet. Dann hat Anna die Bücher in einer weiteren Fassung komplett überarbeitet, damit sie eine Stimme haben. Das ist ein ganz wesentliches Element modernen Serienmachens, dass die Bücher aus einem Guss sind. Schließlich habe ich noch ein Re-Writing gemacht und die Dialoge ins Deutsche übersetzt.

Das heißt, die Bücher wurden zunächst in englischer Sprache geschrieben?

Ja. Der ganze Schreibprozess fand in englischer Sprache statt, die Ko-Autoren waren entweder US-Amerikaner oder Engländer. An der Stelle muss neben dem großen Lob an RTL auch mein Dank an Nico (Hofmann, Geschäftsführer Ufa, Anm. d. Redaktion) stehen. Man kann sich vorstellen, dass es Vorbehalte gab gegen die Konstellation, dass ein Ehepaar eine Serie konzipiert. Aber Nico hat uns von Anfang an wahnsinnig unterstützt.

Ihre Frau ist gebürtige US-Amerikanerin. Welchen Einfluss hat das auf die Tonalität der Serie?

Sie ist In- und Outsiderin gleichermaßen. Als Amerikanerin lebt sie seit 13 Jahren in Berlin und kennt dadurch natürlich einiges. Geholfen hat auch die Teamarbeit. Als Tochter zweier Kulturanthropolo-gen kennt sie die Außenperspektive, sie ist in Kenia und Mexiko aufgewachsen, noch heute kreisen Familiengespräche oft um Analyse und Beobachtung anderer Kulturen. Durch unsere Konstellation konnten wir Innen- und Außensicht verbinden, das hat wunderbar gepasst.

Ein persönliches Kompliment an die musikalische Betreuung der Serie. Wie kam die Zusammenarbeit mit Reinhold Heil zustande, der unter anderem die Musik in "Cloud Atlas" komponiert hat?

Der Kontakt kam über den von mir sehr geschätzten Fred Casimir bei BMG zustande. Reinhold Heil war ja unter anderem Keyboarder bei der Band von Nina Hagen, gründete dann Spliff und produzierte übrigens "99 Luftballons". Nach "Lola rennt" ist er mit Tom Tykwer nach Hollywood gegangen und macht dort jetzt Kompositionen für TV-Serien. Anna und ich haben mit ihm tele-foniert, er war sofort Feuer und Flamme und hat der Serie einen ganz besonderen Touch gegeben. In der Zusammenarbeit mit ihm spiegelt sich auch das Deutsch-Amerikanische der Serie wider, er ist die Brücke in die 80er Jahre, aber auf eine moderne Art und Weise.

Sie sind bei Ufa Fiction seit 2001 und damit seit Anfang an als Produzent für "Soko Leipzig" verantwortlich. Wie viel "Soko"-Erfahrung steckt in "Deutschland 83"?

Sehr viel! Das ist wie bei einem Chirurgen, der viel operiert. Das Handwerk entwickelt sich von Wo-che zu Woche. Man lernt so viel, bewusst und unbewusst, über Struktur, was funktioniert und was nicht. Bei "Soko Leipzig" konnten wir jede dramaturgische Volte ausprobieren. Das ist das Privileg einer Serie mit 25 Folgen je Staffel, dass man experimentieren kann. Durch die Beteiligung meiner Producerin Henriette Lippold, mit der ich schon lange eng zusammenarbeite, stand auch ein einge-spieltes Team auf dem Platz. "Soko Leipzig"-Regisseurin Samira Radsi inszenierte die Folgen sechs bis 8 von "Deutschland 83". Was für mich überraschend was: wenn ich in den USA mit Journalisten über "Deutschland83" gesprochen habe, war es dort die Sensation, dass ich 300 Folgen eines Primetime-Procedurals gemacht habe - die wollten nur noch über "Soko Leipzig" sprechen.

Was sind in Ihrer Sicht die großen Entwicklung- und Weiterentwicklungslinie der "Soko Leipzig"?

Vor drei, vier Jahren haben wir bei der "Soko Leipzig" angefangen, unsere Protagonisten stärker ins Zentrum zu rücken. Beim klassischen Freitagabend-Krimi im ZDF hat der Zuschauer immer durch die Brille des Kommissars auf die Dramen auf der Seite der Opfer, Täter und Zeugen geblickt. Unser Ziel war es, Drama und Emotion rüberzuziehen auf unsere Protagonisten, der Zuschauer sollte unsere Polizisten wirklich kennenlernen. Nicht nur in ihrer Arbeit, sondern als Menschen. So haben wir längere Bögen erzählt, die über die abgeschlossenen Fälle pro Folge hinausgehen.

So wie in der Folge "Erlösung" vom 20. November.

Die Folge ist angelehnt an das echte Outing von Andreas Schmidt-Schaller als Stasi-IM, aufgedeckt von der Bild-Zeitung von vor zwei Jahren. Wir haben beschlossen, dass Schmidt-Schallers Serienfigur Hajo Trautzschke das gleiche Schicksal in drei Folgen "Soko Leipzig" durchleben wird. Das war für alle Beteiligten nicht einfach, unterstreicht aber den besonderen Charakter der Serie. Mir war von Anfang an extrem wichtig, dass die Soko gesellschaftsrelevante Themen aufgreift und nicht nur private Familiendramen unserer Protagonisten erzählt, sondern dass wir unsere Figuren und die Welt ausleuchten. Diese Dimension war mir immer wichtig und ist, so glaube ich, auch der Grund, warum "Soko Leipzig" auf einem Primetime-Sendeplatz ausgestrahlt wird.

Genug experimentiert bei der Soko oder haben Sie jetzt eine Tonalität gefunden, bei der Sie es im Augenblick belassen wollen?

Wir erreichen aktuell bessere Quoten als im Vorjahr, insofern sind wir auf dem richtigen Weg. Das merken wir auch an den Zuschauerreaktionen. Auf Facebook erreichen uns nach einer Sendung schnell über 200 Kommentare. Wir merken, je mehr wir über unsere Figuren erzählen, desto stärker wird die emotionale Bindung unserer Zuschauer zur Serie. Das hat natürlich einen gewissen Endpunkt. Wir würden "Soko Leipzig" nicht zum Familiendrama machen. Aber wir können noch an der Schraube drehen, weiter zuspitzen bei der Frage: Welche menschlichen Abgründe kann man mit seinen Helden erzählen? Das ist für mich ohnehin der große Paradigmenwechsel im Fernsehen der vergangenen Jahre. Früher verlief die Grenze zwischen Gut und Böse zwischen den Personen, es gab einen Protagonisten und einen Antagonisten - und nichts dazwischen. Bei uns verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse innerhalb jeder Figur, da existiert der eigentlich spannende und permanente innere Konflikt.

Wie schafft man es, eine große Primetime-Serie wie "Soko Leipzig" produzentisch zu betreuen und parallel eine neue Serie wie "Deutschland 83" auf die Beine zu stellen?

(Atmet tief durch). In der Zuspitzung und Gleichzeitig von "Deutschland 83" und "Soko Leipzig" war das schon irre. Mit Katharina Rietz haben wir das Producer-Team von "Soko Leipzig" auch verstärkt. Eine begrenzte Zeit kann man beide Projekte parallel betreuen, aber auf Dauer ist das unmöglich.

Was bedeutet das für Sie und "Soko Leipzig"?

Wir besprechen gerade im Team, wie wir uns neu aufstellen können - vor allem vor dem Hintergrund einer möglichen Verlängerung von "Deutschland 83".

Gibt es von RTL schon ein Go für eine zweite Staffel?

Es gibt ein Entwicklungs-Go. Man wird zunächst die TV-Ausstrahlung abwarten, ehe über ein grünes Licht für die Produktion entschieden wird.

Können Sie verraten, wie "Deutschland 83" inhaltlich weitergehen wird?

Die zweite Staffel wird "Deutschland 86" heißen. Was ich sagen kann: Der Zuschauer wird Martin Rauch (Jonas Nay) drei Jahr später wiederbegegnen, der Spion ist aus der Schusslinie genommen worden und im Ausland. Angesicht aktueller Ereignisse kehrt er jedoch zurück nach Deutschland. Wir werden übrigens die Hälfte unseres Cast behalten und haben uns schon viele Gedanken zur Entwicklung unserer Figuren gemacht...

Entwickelt wieder das Team Winger?

Ja, absolut! Und Henriette Lippold ist wieder als Producerin dabei, Sebastian Werninger als Produzent. Never change a winning team.

Andreas Kloo