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Mischa Hofmann über aktuelle Entwicklungen bei H&V

15.10.2015 10:34 • von Frank Heine
Mischa Hofmann, Vorstand der Odeon Film AG und GF von H&V Entertainment (Bild: Odoen Film)

Täuscht der Eindruck oder hat sich H&V wieder zu einem führenden Fiction-Player am Markt entwickelt?

Die H&V stand immer und steht auch weiterhin für innovativere Ansätze und Projekte. Die Novafilm, der andere Fiction-Produzent in der Odeon-Gruppe, hat ihre langlaufenden Formate wie Der Staatsanwalt", Ein Fall für zwei" oder Letzte Spur Berlin" und erfüllt damit ihr Soll. Die H&V muss neben der Serie Der Kriminalist" immer Neuakquise betreiben und entwickelt deshalb sehr viel. Es gab eine Delle, als wir außer Familie Undercover" kein Serienformat hatten. Und das wurde dann bei Sixx versendet, weil zuvor drei andere Serien, die damals bei Sat ausprobiert wurden, schlecht gelaufen sind. Inzwischen bin ich darüber hinweg, und deshalb freue ich mich sehr, dass es bei uns jetzt wieder am Laufen ist.

Wann machte sich diese Delle bemerkbar?

Vor ungefähr zwei Jahren. Es gab eine schwierige Phase, als auf dem Markt wenig neue Serien etabliert wurden. Ich habe aber das Gefühl, dass durch die neuen Player wie Netflix und Amazon die Free-TV-Sender in eine Aufwachphase geraten sind. Natürlich sagen alle, dass die Streaming-Dienste momentan noch keine ernste Konkurrenz darstellen. Aber aus kreativer Sicht ist das, was dort gemacht wird, state of the art. Wenn man über talent nachdenkt, über Autoren, Regisseure - um die bei der Stange zu halten, muss man ihnen auch die Möglichkeit geben, die Grenzen des Erzählbaren im Free-TV auszuweiten.

Haben Sie nicht den Eindruck, dass gerade das passiert?

Doch und das ist für uns Produzenten sehr schön. Wir sind mit H&V auch daran beteiligt und drehen gerade für Sat.1 die Serie 23 Cases" mit Franz Dinda und Shadi Hedayati. Das ist ein moderneres Format, zwar mit episodisch erzählten Fällen, aber einer großen horizontalen Ebene. Ich sehe darin schon eine Weiterentwicklung der Formate, die bislang bei Sat.1 erzählt wurden. Und wir haben eine Entwicklung mit Fox Studios Deutschland. Zwei Bücher liegen vor. Eine sehr komplexe horizontal erzählte Geschichte. Das Projekt heißt "Freigehege", eine Was-wäre-wenn?-Geschichte die sich der Sicherheitsverwahrungs-Problematik annimmt. Wir sind gespannt, ob wir das Programm mit Fox zusammen realisieren können.

Ist "23 Cases" eine rein nationale Produktion?

Ja, trotz des englischen Arbeitstitels. Es sind deutsche Darsteller und es wird auf Deutsch gedreht. Es gibt Pläne es back-to-back mit "Einstein", der anderen neuen Serie bei Sat.1, auszustrahlen.

Weissensee" lief gerade sehr stark, "Blochin" im ZDF zumindest ordentlich. Sat.1 durchläuft hingegen gerade eine Quotenkrise bei der Fiction. Ist zu befürchten, dass die Sender wieder kalte Füße bekommen, wenn es mit den horizontal erzählten Geschichten nicht gleich läuft?

Ja und nein. Die Free-TV-Sender sind eigentlich in einem Dilemma. Das Geschichtenerzählen entwickelt sich ständig weiter, aber das Ausstrahlungssystem ist nicht auf horizontales Erzählen ausgerichtet. Für RTL und Sat.1 ist es derzeit recht schwer klassische Procedurals zu bekommen. Zuletzt wurde CSI" eingestellt und so weiter und so fort. Der Bedarf nach Procedurals ist noch da, gleichzeitig ist es in diesem Bereich schwer das Geschichtenerzählen neu zu erfinden. Das geschieht eindeutig im Horizontalen und wird reihenweise von den Streaming Diensten und den Pay-Kanälen in den USA vorgeführt.

Liegt als Produzent vielleicht darin die Crux, dass man das eine, also das klassische episodische Erzählen gegenüber dem anderen, also dem horizontalen Erzählen, nicht aufgeben sollte?

Klar zwischen diesen Polen muss man sich bewegen. Man muss ganz genau wissen, für welchen Sender oder welche Plattform man was entwickelt. Man muss sich in einem sehr frühen Stadium dafür entscheiden, wen man mit einem Programm ansprechen will. Wir entwickeln beispielsweise auch gerade eine ganz klassische Krimi/Action-Serie für RTL und drehen hoffentlich bald den Piloten. Die heißt "Der Jäger", das Konzept stammt von Orkun Ertener.

Das wäre gut. RTL bräuchte in dem Bereich mal eine Ergänzung zu Alarm für Cobra 11".

Absolut. Wir hoffen alle sehr, dass RTL wieder zulegt und dort einiges passiert. Deshalb wäre auch ein Erfolg von Deutschland 83" wichtig, weil das sowohl RTL als auch dem horizontalen Erzählen einen Schub geben würde.

Sie haben Netflix als Initialzündung für den deutschen Markt bereits erwähnt. Es findet ja eine richtiggehende Jagd nach dem Titel "Erster deutscher Netflix-Produzent" statt. Ist das nicht auch eine Belastung, weil der Aufwand, den man dafür betreibt bei nicht gerade großer Erfolgsaussicht sehr hoch ist?

Uns ist jeder Auftrag wichtig. Das ist ein neues Feld, und daraus müssen sowohl wir, die Produzenten, als auch Netflix lernen. Von Land zu Land ist die Produktionskultur unterschiedlich. Netflix ist inzwischen ein globales Unternehmen. Die müssen lernen, wie wir Deutschen so ticken, und wir müssen lernen Netflix zu verstehen. Wir sind aus meiner Sicht noch nicht an dem Punkt angekommen, dass beide Seiten genau voneinander wissen, wie der andere tickt. Insofern bezahlen wir da schon Lehrgeld, aber das trifft ebenso für Netflix zu.

Wie viel Engagement und Ressourcen kann man dafür aufbringen?

Natürlich sind die Energie und der finanzielle Aufwand, den wir betreiben, um bei einem etablierten Sender einen Auftrag zu bekommen, wesentlich größer als bei Netflix, weil es zunächst einmal nur eine Netflix-Serie geben wird, aber bestimmt 50 Produzenten, die sich um diesen Auftrag bemühen. Wir reden seit gut anderthalb Jahren mit Netflix. Und bei jedem Gespräch verstehe ich mehr, wie so ein Unternehmen denkt. Und das ist wichtig, um die richtigen Angebote abzugeben und die richtige Struktur für ein Angebot zu finden.

Ist Netflix für Sie auch interessant als Abnehmer von bereits bestehenden Programmen?

Nein, weil die Pay-TV- und VoD-Rechte in der Regel bei den Sendern sind. Insofern ist das für H&V oder die Odeon nicht so relevant. Leider. Wir partizipieren zwar, beispielsweise durch Beteiligungsverhältnisse bei den Öffentlich-Rechtlichen, aber das bewegt sich in einem überschaubaren Rahmen.

Wichtiges H&V-Standbein bleiben die 90-Minüter. Mit Harter Brocken" für die Degeto hatten Sie bei 7,53 Mio. Zuschauern einen sensationellen Aufschlag auf dem Samstagssendeplatz.

Das war die beste Quote, die ich je hatte. Ich dachte, die haben sich vertippt. Wir bereiten bereits zwei neue "Brocken"-Filme für die Degeto vor. Wieder mit Holger Karsten Schmidt als Autor und natürlich Aljoscha Stadelmann in der Hauptrolle. Die Regie ist noch offen. Gerade in Dreh gegangen sind zwei weitere Kluftinger-Filme für BR und Degeto unter der Regie von Lars Montag. Außerdem stehen wir unmittelbar vor zwei besonderen Ausstrahlungen. Am 16. Oktober läuft im Ersten Besuch für Emma" von Ingo Rasper, mit Dagmar Manzel und Henry Hübchen. Am 19. Oktober folgt im ZDF das Drama Die Neue" von Buket Alakus. Iris Berben spielt eine Lehrerin, die sich für eine traditionsbewusste muslimische Schülerin einsetzt.

Wie ist der Stand bei ihren internationalen Serienprojekten?

"Perished Land" - nach der Roman-Reihe Die Zwerge" von Markus Heitz -könnte man als eine Art Herr der Ringe" fürs Fernsehen bezeichnen. Frank Doelger, Executive Producer von Game of Thrones" schreibt die Bücher. Wir, also H&V und Beta Film, sind gerade dabei, die Finanzierung aufzustellen. Wir reden mit deutschen Sendern, Jan Mojto in seiner Funktion als Koproduzent und Vertrieb mit potentiellen internationalen Partnern. Es ist etwas Besonderes für uns, und wir lernen bei so einem Projekt täglich. Man weiß natürlich nie, ob es definitiv gemacht wird. Es ist natürlich ein großes Budget und eine große Herausforderung. "Spy City" spielt im Berlin der 60erJahre, da arbeiten wir mit dem Romanautor William Boyd und mit Gaumont zusammen. Es gibt schon Bücher, jetzt stehen die Gespräche mit England und auch mit anderen Ländern an. Da sind wir auf einem ganz guten Weg.

Welche neuen Projekte stehen für Sie an?

Nach vielen Jahren der Vorbereitung wird im Frühjahr unter der Regie von Franziska Meletzky der ZDF-Film Die innere Sicherheit" nach einem Roman von Christa von Bernuth gedreht. Sat.1 hat die sechsteilige Serie "Der Staatsfeind" für die Finanzierung gegreenlighted. Henning Baum ist für die Hauptrolle vorgesehen. Und natürlich fiebern wir unserem Kinofilm Seitenwechsel" mit Wotan Wilke Möhring und Mina Tander entgegen, der im Verleih von Warner im Frühjahr 2016 startet.

Frank Heine