Kino

KOMMENTAR: Das bessere Kino

Soll keiner behaupten, das sei keine Absicht: Die ersten Bilder von "Beasts of No Nation" von Cary Joji Fukunaga wurden durch einen leeren Fernsehbildschirm gedreht. Erst dann zieht die Kamera nach hinten und offenbart in schönstem Breitwandformat, also prallem Kino, dass es sich um die Hülle eines alten Röhrenfernsehers handelt, durch die Kinder eines afrikanischen Dorfs den Menschen dort Fernsehen vorspielen.

24.09.2015 09:04 • von Frank Heine

Soll keiner behaupten, das sei keine Absicht: Die ersten Bilder von Beasts of No Nation" von Cary Joji Fukunaga wurden durch einen leeren Fernsehbildschirm gedreht. Erst dann zieht die Kamera nach hinten und offenbart in schönstem Breitwandformat, also prallem Kino, dass es sich um die Hülle eines alten Röhrenfernsehers handelt, durch die Kinder eines afrikanischen Dorfs den Menschen dort Fernsehen vorspielen, Programmwechsel inklusive.

Sie erinnern sich : "Beasts of No Nation" ist natürlich die erste Kinoproduktion von Netflix. Der Film war bereits für den Wettbewerb von Cannes gehandelt worden, aber ausgerechnet dort, wo bereits mutig vermeintliche Fernsehware wie Carlos - Der Schakal" oder Liberace" programmiert worden war, hatte man dann wohl doch kalte Füße bekommen, diesen Game-Changer, wie man das im Branchenneusprech so schön nennt, in die Selection officielle aufzunehmen. Venedig und Toronto hatten weniger Berührungsängste und boten diesem Film eine optimale Plattform für seine Botschaft, dass künftig alles anders sein wird. Fernsehen ist Kino, Kino ist Fernsehen. Alles ist erlaubt. Inhaltlich, formal, erzählerisch, stilistisch. Und in der Auswertung, sofern man sein Publikum erreicht. Im Kino, vor dem Fernseher, auf den Handheld-Devices.

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet "Beasts of No Nation" war, der in Venedig und Toronto die größten und verwegensten Kinobilder bereit hielt. Bilder, die einfallsreich und innovativ sind, die an Apocalypse Now" und "Aguirre" erinnern. Die vor allem erst auf der großen Leinwand ihre volle Wirkung entfalten. Im gleichen Maße, wie Fukunaga im letzten Jahr mit True Detective" neu definiert hatte, was im Fernsehen möglich ist, rüttelt er nun mit seinem eindringlichen Kriegsfilm über Kindersoldaten in einer nicht weiter benannten afrikanischen Nation an Grundfesten des Kinos. Netflix steht ihm zur Seite: In den Territorien, in denen der Film einen Kinoverleih findet, wird er im Kino zu sehen sein. In den anderen Territorien wird er einfach gleich gestreamt.

Klar kann man jetzt noch Prinzipienreiter sein und sich gegen die kommende Neue Ordnung stemmen. Aber man wäre naiv zu glauben, dass die Entwicklung aufzuhalten ist. Als Gewinner kann aus dem Wandel nur hervorgehen, wer selbst innovativ ist. Natürlich wird es immer die großen Hollywoodblockbuster geben, die ganz automatisch klassisch und konventionell die traditionelle Auswertungsroute einschlagen werden: erst Kino, dann Home-Entertainment, dann Fernsehen. Daran wird sich auf Sicht nichts ändern, auch wenn jetzt schon nicht mehr ganz klar ist, wie genau selbst bei Blockbustern die Hierarchie in der zweiten Auswertungsstufe ist. Alles andere ist in Bewegung. Das ist gut so. Daraus ergeben sich Chancen. Man muss sie nur ergreifen und beim Programmieren variabel sein. Alles andere erledigen Fack Ju Göhte 2" und Co.