Festival

TAG 6: Der Kampf um "London Fields"

Die Spannung lässt bereits spürbar nach auf dem 40. Toronto International Film Festival, was auch daran liegt, dass die überraschenden Titel fehlen, die ein Festival noch einmal richtig elektrisieren könnten. Gesprochen wird indes vor allem über "London Fields" und den eskalierenden Streit zwischen Regisseur Matthew Cullen und Produzent Chris Hanley.

16.09.2015 16:01 • von Jochen Müller
Skandalfilm: "London Fields" (Bild: TIFF)

Die Spannung lässt bereits spürbar nach auf dem Toronto International Film Festival, was auch daran liegt, dass die überraschenden Titel fehlen, die ein Festival noch einmal richtig elektrisieren könnten. Gesprochen wird vor allem über "London Fields" und den eskalierenden Streit zwischen Regisseur Matthew Cullen und Produzent Chris Hanley ("Spring Breakers"): Beinahe parallel zur ersten Pressevorführung der Verfilmung von Martin Amis' dystopischen Kultroman aus dem Jahr 1989 erschien in der "New York Times" ein erster Artikel über die Kämpfe um die Fertigstellung des Films, der mit Amber Heard, Billy Bob Thornton, Theo James und Jim Sturgess sowie einem Gastauftritt von Heards Ehemann Johnny Depp hochkarätig besetzt ist.

Angeblich habe Hanley dem Regisseur den Film aus der Hand genommen und selbst noch einmal neu schneiden lassen. Unter anderem empört sich Cullen darüber, dass Hanley auf eher unfeinfühlige Weise in einer Montage Szenen von 9/11 mit pornografischen Bildern kombiniert habe. Der Regisseur soll versucht haben, seinen Namen entfernen zu lassen, scheiterte aber aufgrund von Gewerkschaftsregularien. Zudem sagt Cullen, er sei für seine Arbeit bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht im versprochenen Maße bezahlt worden. Hanley dementiert die Anschuldigungen und behauptet seinerseits, die Produktion sei korrekt verlaufen. Die Schauspieler, die für die Premiere in Toronto am 18. September anwesend sein sollen, haben sich solidarisch mit ihrem Regisseur erklärt.

Die Pressevorführung von "London Fields" indes ist Stoff für Festival-Legenden: Der Film über das gewiss nicht leicht zu verfilmende Buch von Amis, der im Hardboiled-Stil von der bevorstehenden Apokalypse in der britischen Hauptstadt schreibt und die Geschichte von einem hellseherischen Mädchen erzählt, das einem Schriftsteller seine Ermordung voraussagt und ihm erklärt, dass der Mörder einer von drei Männern ist, die gemeinsam mit ihr in einer Bar waren: neben dem Schriftsteller ein asozialer Drogenhändler und ein Dandy aus der feinen Gesellschaft. Schon nach wenigen Szenen steht fest, dass der Film auf ganz grandiose Weise scheitert. Er ist wunderbar fotografiert und der Szenenbildner hat ganze Arbeit geleistet, aber er ist zu laut, zu überdreht, zu grell; nichts will sich zu einem kohärenten Ganzen fügen. Ein bisschen fühlt man sich erinnert an den nicht minder misslungenen Hardboiled-Mischmasch Passion Play" mit Mickey Rourke und Megan Fox, der dem Publikum in Toronto vor fünf Jahren die Sprache verschlug.

Unmittelbar nach dem Screening folgte die nächste Eskalationsstufe: Regisseur Cullen hat die Produzenten seines Films in Los Angeles wegen "Betrugs und mutwilliger Täuschung" nunmehr auf eine Mio. Dollar verklagt. Der Produzent und Drehbuchautorin Roberta Hanley hätten seinen Film genommen und zerstört. Eine Antwort des Produzenten oder auch ein Kommentar des Weltvertriebs IM Global stehen noch aus. Fest steht, dass "London Fields" jetzt mehr Wirbel macht, als man es jemals vermutet hätte.

Selbstverständlich wurden auch noch andere Filme gezeigt. Die meisten davon fielen in die letztlich nur beschränkt glücklich machende Kategorie "Ganz gut". Jason Batemans zweite Regiearbeit The Family Fang" beispielsweise über zwei vom Leben gezeichnete Geschwister - gespielt von Bateman und Nicole Kidman -, die sich auf die Suche nach ihren seit einem blutigen Unfall verschwundenen Eltern machen. Oder Jocelyn Moorhouses The Dressmaker" mit Kate Winslet und Liam Hemsworth, eine Mischung aus Ein Fremder ohne Namen" und "Chocolat" über eine junge Frau, die in ihr Heimatdorf zurückkehrt, aus dem sie einst nach einer Tragödie vertrieben wurde, und den Einwohnern nun als genialische Damenschneiderin den Kopf verdreht. Oder Equals" mit Kristen Stewart und Nicholas Hoult, eine dystopische Liebesgeschichte im Stil von Gattaca" über eine Gesellschaft, in der zwischenmenschlicher Kontakt verpönt ist.

So richtig gut war am gestrigen TIFF-Tag eigentlich nur Truth", das Regiedebüt von "Zodiac"-Drehbuchautor James Vanderbilt. Im Grunde hat die souveräne Aufbereitung des Medienskandals um den legendären CBS-News-Anchor Dan Rather und seine Produzentin Mary Mapes nur ein Problem: Der nicht ganz unähnliche Spotlight" - das Highlight des diesjährigen TIFF und ein sicherer Oscar-Kandidat - macht seine Sache noch besser, noch souveräner, noch selbstbewusster. Das sollte aber nicht gegen "Truth" verwendet werden, ein absolut überzeugender, kämpferischer Film, der seine Stars Cate Blanchett und Robert Redford - als Dan Rather! - von ihrer besten Seite zeigt: Kurz vor der Wiederwahl von George W. Bush als US-Präsident im Jahr 2004 recherchierten Mapes und ihr Team, ob Bush sich vor dem sicheren Einsatz als Soldat in Vietnam mit illegitimen Mitteln drückte. Ob sie gefälschten Beweisen aufsaßen oder nicht, spielt tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle. Sehr intensiv evoziert Vanderbilts Film die paranoide Stimmung dieser Zeit und entlarvt die Jagd auf Rather und seine Leute als ausgemachte Schande, die in der amerikanischen Geschichte nur mit der Kommunistenhatz der Fünfzigerjahre zu vergleichen ist. Alldieweil beleuchtet der Film das Pro und Kontra des unerbittlichen Strebens nach Wahrheit, all das verpackt in einen blitzsauber erzählten Thriller, der auch in der Niederlage einen bittersüßen Triumph findet. Würde die Musik nicht manchmal allzu ominös wabern, gäbe es nichts auszusetzen an "Truth".