Kino

Marc Gabizon und Christoph Liedke im Exklusiv-Interview

20.07.2015 14:17 • von Jochen Müller

Was bleibt von den Strukturen der Senator Film in Berlin und Wild Bunch in München? Wo wird der Firmensitz sein?

Marc Gabizon: Wild Bunch Germany wird in Zukunft von Berlin und München aus operieren. Berlin ist Sitz der Holding unter der neuen Firmierung Wild Bunch AG. Darunter angesiedelt sind die Wild Bunch Germany sowie ihre Schwesterfirmen in Frankreich, Italien und Spanien. Christoph Liedke sitzt in Berlin mit dem Großteil der Marketingabteilung und dem Vertrieb der Central Film, die in der Wild Bunch aufgehen wird. In Berlin befindet sich auch die Filmproduktion, geleitet von Ulf Israel. In Köln verbleibt ein Büro als wichtige Präsenz in NRW. In München sind Geschäftsführung, die Rechtsabteilung, Controlling, TV-Vertrieb und die Programmbeschaffung.

Ändert sich nach der Fusion die Ausrichtung der neuen Wild Bunch Germany?

MG: Wir verstehen uns als voll integrierter Verleiher, der Filme in allen Medien auswertet, initiiert und generiert, sei es über Produktion oder Koproduktion. Das wollen wir gezielt und publikumsorientiert ausbauen ...

Herr Liedke, was haben Sie sich für Ihre neue Aufgabe vorgenommen?

Christoph Liedke: Zunächst geht es darum, eine nach innen transparente Organisation zu schaffen. Natürlich wollen wir auch nach außen ein klares Bild abgeben, darüber, was wir wollen und was wir tun. Für den Bereich Marketing haben wir Astrid Böhmisch als Head of Marketing gewonnen. Sie ist sowohl für Theatrical als auch für Home-Entertainment verantwortlich und verfügt über ein Team, das alle Filme betreuen kann, die wir herausbringen.

Wie werden Sie den Vertrieb aufstellen?

CL: Für den Vertrieb haben wir eine Struktur vorgefunden: Central Film wird in der Wild Bunch Germany aufgehen. Das hat den großen Vorteil, dass wir keinen externen Vertrieb beschäftigen, sondern über eine integrierte Vertriebsabteilung verfügen unter der bewährten Leitung von Hans Hertel. Glücklicherweise wird auch Peter Sundarp weiter im Management von Wild Bunch mitarbeiten. Peter, Hans und ihr Team sind eine der besten Vertriebsmannschaften, die man in Deutschland haben kann.

Wie unterscheidet sich die neue Herausforderung von der Arbeit bei einem Major?

CL: Es ist eine andere Welt, weil wir bei Wild Bunch im Aufbruch sind, neu gestalten und anders strukturieren. Es ist kein gemachtes Nest, in das ich mich setze, sondern ich bin mit Marc und meinen Kollegen intensiv mit dem Nestbau beschäftigt. Wir können in diese ­Organisation unsere unterschiedliche Erfahrung einbringen und voneinander lernen. Was ich jahrelang bei einem Major praktiziert habe, wird bei der geplanten Organisationsgröße hilfreich sein. Auf der anderen Seite eröffnet mir die Flexibilität eines Independents auch ganz neue Möglichkeiten.

Soll Wild Bunch jetzt ein europäischer Major à la Studiocanal werden?

MG: Wir sind auf jeden Fall eine paneuropäisch agierende Filmgruppe mit einem starken "Independent Spirit" und haben weiterhin Ambitionen, territorial zu wachsen, jedoch verfügen wir sicherlich nicht über vergleichbare Ressourcen wie eine Konzerntochter des Pay-TV-Riesen Canal plus. Jenseits der Frage nach der Unternehmensgröße wollen wir uns auch zukünftig auf Inhalte konzentrieren und auf kurzen Wegen unbürokratisch handeln. Gleichzeitig wollen wir die Stärken einer Gruppe nutzen und ausbauen, um frühzeitig im Verbund mit mehreren Länderorganisationen in die Finanzierung von Spielfilmen einzusteigen.

Für welches Programm wird Wild Bunch in Zukunft stehen?

CL: Wir werden jedenfalls nicht die Anzahl der Filme, die Wild Bunch und Senator zuletzt ins Kino gebracht haben, addieren. Wir wollen Filme von einer bestimmten Qualität in für uns machbarer Zahl ins Kino bringen. Das sind vielleicht 15 und eben nicht 30 Filme pro Jahr. Davon sollen einen gewissen Anteil lokale Produktionen ausmachen. Auch hier sind wir nicht festgelegt, aber drei bis vier deutsche Produktionen könnten sich in der geplanten Staffel pro Jahr finden. Wir wollen dabei genauso professionell produzieren, wie wir distribuieren, das sollte uns für viele Partner interessant machen.

MG: In einem Markt, in dem immer mehr Filme ins Kino gebracht werden und sich der Kampf um die Leinwände verschärft, muss man sich bei jedem Film noch stärker die Frage stellen, ob er einzigartig und attraktiv genug ist, um eine erfolgreiche Kinoauswertung zu erleben. So banal es klingen mag: Löst ein Film genug Emotionen aus, um auf der Leinwand zu überzeugen? Bringt er das Publikum zum Lachen, zum Weinen oder auch zum Nachdenken? Gibt es genug Vermarktungsansätze und eine hinreichend große Zielgruppe, um im Kino zu reüssieren? Natürlich werten wir unsere Filme auch im Home-Entertainment und TV aus, aber Kino hat für uns ganz klar Priorität. Kino ist unsere DNA.

Verfügt Wild Bunch in Frankreich auch über einen eigenen Produktionsbereich?

MG: Nein. Wild Bunch hat sporadisch produziert und mit Erfolg. Blau ist eine warme Farbe" war eine Wild-Bunch-Produktion, wurde in Cannes ausgezeichnet und hat in Frankreich und vielen anderen Ländern gut funktioniert. Wild Bunch steigt lieber in einer frühen Phase in eine Produktion ein und tritt nicht als eigentlicher Produzent, sondern als Koproduzent oder Kofinanzier auf.

Inwieweit setzen Sie auf internationale Koproduktionen?

MG: Das bleibt eine wichtige Beschaffungsmöglichkeit, die wir nach wie vor ernst nehmen. Wir setzen bei jedem Film auf eine ­gesunde Finanzierungsstruktur. Ob es eine ­Akquisition ist, eine Kofinanzierung, eine Koproduktion oder eine Produktion, ist letztendlich nicht entscheidend. Jedes einzelne Projekt muss inhaltlich überzeugen und wirtschaftlich Sinn machen.

Wie wird die weitere Zusammenarbeit mit den bisherigen Produktionspartnern der Senator aussehen?

MG: In der Vergangenheit sind dadurch Filme entstanden, auf die wir sehr stolz und für die wir sehr dankbar sind. "Ooops! Die Arche ist weg", der Ende Juli startet, ist etwa ein sehr starker Animationsfilm, den wir Tania Reichert und Freebird Pictures verdanken. Auch den Erfolg von "Petterson und Findus" hätte es ohne sie nicht gegeben. Im nächsten Jahr gibt es zu Weihnachten eine Fortsetzung, von der wir uns viel versprechen.

CL: Wie die Form der Zusammenarbeit mit bewährten Partnern wie Anatol Nitschke und Deutschfilm, der uns den sechsfachen Filmpreis-Gewinner "Victoria" beschert hat, in Zukunft aussehen wird, definieren wir gerade. Unsere schlagkräftige Truppe in Marketing und Sales wollen wir in Zukunft jedenfalls für alle unsere Projekte zum Einsatz bringen.

Bleibt denn die Traditionsmarke Senator Film erhalten?

CL: Für den Verleih ist entschieden, dass er Wild Bunch heißen wird. Für eine Übergangszeit wird noch der Name Senator Film auftauchen, so wie es auch für eine Übergangszeit den Firmennamen Central noch geben wird.

MG: Für die Produktion wollen wir den Namen weiterführen. Der Name Senator hat dort große Bedeutung, schließlich hat Senator Film die deutsche Produktion über Jahre geprägt und viele wichtige Filme geschaffen.

Wird Wild Bunch auch in Zukunft Filme an andere Verleiher zur Auswertung geben?

CL: In aller Regel werden wir die Filme, die wir einkaufen, auch selbst vermarkten und vertreiben. Darüber hinaus werden wir auch Filme ins Kino bringen, die nicht aus unserer Produktion oder Akquisition stammen. Wir werden also in Zukunft im Vertrieb "Booking & Billing" weiterhin für andere anbieten können, so wie wir jetzt den Film Kartoffelsalat" in unser Programm aufgenommen haben, weil wir glauben, dass das ein wichtiger Film für ein junges Publikum ist.

Wie ist Wild Bunch nach dem Zusammenschluss mit Senator im Home-Entertainment-Bereich aufgestellt?

MG: Senator hat seine Filme ausschließlich über Universum herausgebracht. Auch Wild Bunch kooperiert seit Jahren mit Universum, aber nicht bei jedem Film. Es gibt also eine starke Bindung und großes Vertrauen. Wild Bunch hat auch mit anderen Videoanbietern wie u. a. Capelight oder Eurovideo, mit denen wir gern zusammenarbeiten, gute Geschäftsbeziehungen aufgebaut. Der Zusammenschluss mit Senator führt sicher dazu, dass wir mit Universum noch enger zusammenarbeiten werden.

Wo ist der digitale Bereich angesiedelt?

CL: Transaktionales VoD ist Teil der Verein­barung, die wir derzeit mit Universum haben, Subscription-VoD läuft bei uns über die TV-Rechtevergabe.

Gibt es Pläne, auch eigene VoD-Aktivitäten zu entwickeln?

MG: Das sind Möglichkeiten, die wir nutzen wollen, aber das heißt nicht, dass es eine eigene VoD-Plattform geben muss. Es gibt diese Überlegungen, weil wir ein S-VoD-Portal für Spielfilme in Frankreich betreiben. Das sind aber eher Überlegungen in der Nische, weil es wenig bringt, zwischen den Giganten Netflix oder Amazon eine eigene S-VoD-Plattform für das breite Publikum zu schaffen.

CL: Natürlich stellen wir Überlegungen an, wie der digitale Vertrieb in der Zukunft aussehen kann, wie digitale Strategien aussehen werden. Das betrifft sicherlich auch die Auswertungsfenster.

Wie steht es um die Allianz mit Bavaria?

MG: Die gibt es nach wie vor: Sie heißt Bavaria Pictures und ist uns wichtig, weil die Bavaria ein sehr guter Partner ist. Wir glauben, dass die Bavaria mit ihrem Produktions-Know-how und wir mit unserer internationalen Ausrichtung, der Fähigkeit, internationale Ko­produktionen einzubringen, und mit unseren Auswertungsmöglichkeiten zu kombinieren, gut zusammenpassen und wir diese Kooperation noch ausbauen können.

Gibt die Filmstaffel der nächsten Monate schon einen Eindruck, was von Wild Bunch Germany zu erwarten ist?

MG: Wir freuen uns sehr auf die Filme der kommenden Monate, ob "Ooops! Die Arche ist weg" ist, der sehr gelungen ist, oder Paolo Sorrentinos neuer Film Ewige Jugend", der in Cannes lief. Gerade läuft "Victoria" von Sebastian Schipper in den Kinos, ein ganz besonderer, starker und wuchtiger Film, der auf jeden Fall für eine Art von Filmen steht, die wir als Wild Bunch bringen wollen.

CL: Wir haben aus dem Deal mit Relativity noch die sehr unterhaltsame Komödie Masterminds", die wir im Oktober bringen. Der letzte Wolf" von Jean-Jacques Annaud kommt über Wild Bunch in Frankreich, der dort, in Italien sowie in China sehr erfolgreich war und beim Münchner Filmfest großen Anklang gefunden hat. Im Dezember planen wir den Release von Adam Jones" mit Bradley Cooper, der ein sehr gutes Beispiel dafür ist, wie wir auch in Zukunft international akquirieren wollen. Wir wollen kommerzielle Genre- und Arthouse-Filme herausbringen, einfach ein Programm von Filmen, die ihr Publikum erreichen wollen.

MG: Erwähnen sollten wir auch Becks letzter Sommer" mit Christian Ulmen, den wir nächste Woche starten werden, weil der deutsche Film eine unserer tragenden Säulen bilden wird. Alle diese Titel zusammengenommen stehen für die Vielfalt von Filmen, die wir in Zukunft herausbringen werden. Sicherlich geht es nicht immer von heute auf morgen und nicht um jeden Preis, aber unser Ziel ist es auf jeden Fall, die Anzahl "größerer" Filme in Zukunft noch zu erhöhen.

Wie sieht es mit neuen deutschen Filmen in der Produktion aus?

CL: Im Oktober geht die Olaf-Schubert-Komödie mit dem Arbeitstitel "Der Weltverbesserer" unter der Regie von Lars Büchel in Produktion. In Vorbereitung fürs nächste Jahr befindet sich auch der neue Film von Janek Rieke, "Anja und Nobbi am Limit", eine sehr schöne, schräge, nicht nur norddeutsche Komödie. Zwei Themen, in diesem Fall Komödien, bei denen wir überzeugt sind, dass sie ein breites Publikum erreichen können. Die Projekte sind bei Ulf Israel angesiedelt, mit dem Marc und ich schon frühzeitig einen Dialog mit Blick auf ihre Vermarktbarkeit führen.

Wird es eine eigene Stoffentwicklung bei Wild Bunch geben?

MG: Wir fangen gerade an damit und wollen das nicht zu hoch hängen. Das braucht seine Zeit. Aber sowohl im Spielfilm- wie im TV-Bereich wollen wir von Anfang an mitentwickeln. Im Idealfall kontrolliert man auch selbst die Stoffe, in dem man sich beispielsweise ­Remake- oder Verfilmungsrechte an Büchern sichert, was wir seit einiger Zeit auch schon aktiv betreiben.

Sind denn auch TV-Produktionen geplant?

MG: In Zukunft ja. International hat Wild Bunch im Januar eine TV-Abteilung gegründet, um TV-Serien weltweit kogenerieren und distribuieren zu können. Wir hoffen, schon bei der kommenden Mipcom die ersten zwei Serien zu lancieren. Aber wir wollen auch in Deutschland, aus Deutschland heraus, mit deutschen Stoffen in die TV-Produktion gehen, natürlich mit erfahrenen Partnern. Wir entwickeln zum Start gerade mit Network Movies eine Serie und hoffen, dass sie nächstes Jahr in Produktion gehen kann.

Auf welche Geschäftsbereiche setzt Wild Bunch besonders?

CL: Kino ist für uns die entscheidende Säule, das kann man nicht oft genug wiederholen. Entscheidend ist für alle, die Filme ins Kino bringen, wie sich das Publikum verhält und wie wir es am besten bedienen können. Mit einem Film wie "Kartoffelsalat" loten wir Möglichkeiten in jungen Zielgruppen aus. Wenn YouTuber den Sprung ins Kino wagen, wollen wir ihnen den Weg ebnen. Genauso interessieren wir uns für die Best-Ager, weil man in den älteren Zielgruppen mit den richtigen Stoffen noch dazugewinnen kann. Und das müssen beileibe nicht immer Komödien sein.

Wann ist die "Operation Wild Bunch" für dieses Jahr erfolgreich gelaufen?

MG: Es ist kein Geheimnis, dass Senator in den letzten Jahren größere Verluste geschrieben hat. Aber genauso wichtig, wie wieder wirtschaftliche Stabilität zu erreichen, ist es für uns, im Umgang mit allen Partnern für Vertrauen zu sorgen. Wenn wir für Filmemacher, Kinobetreiber, Produzenten, Fernsehsender, Förderer als ein Partner gelten, mit dem man gern spricht und gern zusammenarbeitet, dann können wir einen Erfolg verbuchen und haben ein wichtiges Ziel für uns erreicht. uh