Duplication

"Blu-ray bleibt Sorgenkind"

28.01.2015 16:59 • von
Frank Hartwig, CDA (Bild: Martin Braun)

Video, Musik, Games - die Nachfrage nach Entertainment ist ungebrochen. Das untermauern relativ stabile oder sogar leicht steigende Umsatzzahlen der einzelnen Teilmärkte. Dennoch stehen die Mediendienstleister vor enormen Problemen. "Die größten Herausforderungen unserer Industrie liegen im rückläufigen physischen Geschäft und im Mangel an digitalen Erlösmodellen, welche den entgangenen Umsatz kompensieren können." Diese Aussage von Jesper Schertiger, Senior Vice President European Sales & Marketing von Sony DADC, betrifft im Kern alle Dienstleister. Doch warum entwickelt sich das physische Geschäft als Ganzes rückläufig?

Handel reduziert Flächen für Entertainment

Zum einen verändert sich das Konsumverhalten drastisch. "Streaming nimmt kontinuierlich an Bedeutung zu. Außerdem legen die Konsumenten immer mehr Wert auf volle Mobilität der Inhalte", erklärt Jesper Schertiger. Auch "die im Handel reduzierten Verkaufsflächen für Entertainment" sowie "illegale Mediendownloads" würden sich negativ auf den Disc-Absatz auswirken. Ebenso hinterlässt die Printkrise ihre Spuren. Die zum Teil dramatisch gesunkenen Auflagen von Zeitschriften mit DVDs oder CDs - so genannte Covermounts - führen zu weniger Aufträgen für die Disc-Hersteller. Der ohnehin schon intensive Wettbewerb zwischen den Dienstleistern verschärft sich weiter.

"Der Preisdruck wird natürlich anhalten", vermutet John Fitzgerald, geschäftsführender Gesellschafter von EDC. Zumal "sich die großen Auftraggeber aus den Bereichen Games, Musik und Video auch 2015 nach alternativen Dienstleistern umsehen. Um Kosten zu senken und Abläufe zu optimieren." Deshalb erwartet er in naher Zukunft eine "Konzentration auf die größten und leistungsfähigsten Dienstleister in Europa". "Weitere Wettbewerber werden aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben", ist er sich sicher.

Auch Frank Hartwig, CEO von CDA, rechnet mit einer bevorstehenden Marktbereinigung: "Der Trend, dass Marktteilnehmer aus dem Business ausscheiden, setzt sich weiter fort. Dann besteht die Chance für die verbleibenden Unternehmen, trotz sinkender Mengen zumindest stabil zu den Vorjahren zu bleiben." Gut für die Kunden: "In einem stetig sinkenden Marktsegment ist für alle Dienstleister verpflichtend, Service und Qualität zu verbessern und auf einem hohem Level zu halten." Das schon im vergangenen Jahr stabile CD-Geschäft werde sich seiner Meinung nach auch 2015 "entgegen allen Prognosen ausgesprochen stark" entwickeln. "Das Sorgenkind der Branche ist und bleibt Blu-ray", bestätigt Frank Hartwig. Er rechnet mit einem Peak des Formats bereits 2016 und glaubt, dass die produzierte Menge "bestenfalls für einen kurzen Zeitraum stabil bleibt".

Auch Sandra Fritzsch, Commercial & Administration Director MPO Audio und Video, spricht von "spürbaren Rückgängen der DVD und Blu-ray im Videomarkt". Allerdings würden zusätzlich zu den Standardprodukten immer mehr limitierte Editionen in den Handel gebracht: "Das führt zum Umsatzausgleich, den wir als Hersteller natürlich begrüßen." Generell sieht Sandra Fritzsch ihre größten Chancen im Verpackungsbereich, aber auch im Vinylmarkt. So hätte die allgemeine Nachfrage nach Schallplatten in den letzten beiden Jahren spürbar zugenommen und würde den Rahmen der Nische verlassen. Gut für die wenigen Hersteller, zu denen neben optimal media und Pallas auch MPO gehört.

Physischer Rückgang bei Katalog besonders ausgeprägt

Michael Hosp, CEO von kdg mediatech, wertet das "furiose Comeback von Vinyl" ebenso wie das stabile CD-Geschäft als eine Art Gegenbewegung: "Der Megatrend Streaming befeuert auch die genau gegenteilige Sehnsucht nach Haptik und dem bewussten Zelebrieren von Medienerlebnissen." Dennoch hat die schnelle, bequeme, mobile Verfügbarkeit von Content unbestreitbare Vorzüge. Deshalb erwartet Michael Hosp im Video­bereich durch Plattformen wie Netflix, insbesondere im Katalogsegment, "einen kannibalisierenden Einfluss auf Packaged Media": "Die produzierten Stückzahlen werden weiter zurückgehen", ist er sich sicher, wobei "absatzträchtige Filme natürlich nach wie vor auf DVD und Blu-ray ausgewertet werden". Doch es gibt auch Lichtblicke. So sieht Jesper Schertiger von Sony DADC "trotz des rückläufigen physischen Geschäfts viele Chancen in unserer Industrie": "Die neuen Spielekonsolen liefern Impulse für starkes Wachstum im Gamessegment. Bei Musik und Video spielen Sonderverpackungen und Sammlereditionen eine immer größere Rolle und ermöglichen uns höhere Margen."

Um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein, haben sich die ehemaligen klassischen Presswerke inzwischen sehr unterschiedlich ausgerichtet. Jedes Unternehmen verfolgt eine eigene Strategie. Sony DADC etwa konzentriert sich weiterhin nahezu komplett auf den Entertainmentmarkt und angrenzende Bereiche. "Wir wollen unsere Kunden wäh­rend des gesamten Lebenszyklus eines Medienprodukts unterstützen. Das schließt kreative Vermarktungsfenster und Vertriebswege mit ein", betont Jesper Schertiger. Als weltweit tätiger Dienstleister hat seine Firma die so genannte Global Platform Services Group aufgebaut. Damit wird die Produktion und Auslieferung von Medien über alle Vertriebswege, Territorien, Formate und Auswertungszeiträume weltweit sichergestellt. Das soll dazu beitragen, Kosten zu reduzieren und die Supply Chain immer effizienter zu machen.

Alle Marktteilnehmer richten sich unterschiedlich aus

Andere Marktteilnehmer setzen verstärkt auch auf alternative Geschäftsmodelle. "Wir müssen aufhören, jenen Geschäftsbereichen nachzutrauern, mit denen wir uns vorgestern am Markt als Dienstleister präsentiert haben", betont Michael Hosp. So sieht sich kdg nach wie vor zwar als "wendiges Dienstleistungsunternehmen, das sich schnell und flexibel an den Anforderungen und Bedürfnissen des Marktes ausrichtet". Und Entertainmentkunden erhalten auch in Zukunft die ganze Palette an physischen und digitalen Dienstleistungen, die sie für die erfolgreiche Vermarktung ihrer Inhalte benötigen. Darüber hinaus haben die Österreicher aber eine neue Division namens kdg Opticomp aufgebaut. Dafür wurde die für die Discproduktion benötigte Spritzgusstechnologie für die Herstellung von hochpräzisen optischen LED-Komponenten weiterentwickelt.

CDA hat die Weichen schon vor Jahren neu gestellt. So steht das Segment optische Datenträger laut Frank Hartwig nur noch für 35 Prozent des Gesamtumsatzes: "Wir erzielen hier jedoch Jahr für Jahr stabile Mengen und Umsätze". Die weiteren Geschäftsfelder, in denen CDA tätig ist, heißen Flash Media Solutions und Micro Functional Solutions und würden "sich hervorragend entwickeln".

Standbeine außerhalb der Entertainmentbranche gesucht

Auch EDC baut sich Standbeine außerhalb der Entertainmentindustrie auf. Deshalb bietet das Unternehmen aus Hannover seine Fulfillment-Dienstleistungen seit einem Jahr auch anderen Branchen an. Dazu John Fitzgerald: "Alles, was von der Größe und vom Gewicht in unser automatisiertes Traylager passt, können wir über die 7,5 Kilometer langen Laufbänder automatisch konfektionieren, sortieren und auch palettieren. Die erste menschliche Hand ist der Lagermitarbeiter, der die fertige Palette in den LKW zum Versand schiebt." Ein weiterer Geschäftsbereich nennt sich Kunststoff- und Systemtechnik. Hier hat EDC im Dezember die anspruchsvolle ISO-Zertifizierung 16949 erfolgreich durchlaufen. Zurzeit werden schon Kunststoffteile u. a. für die Möbel- und Automobilindustrie sowie für Telefonhersteller produziert. Die neue ISO-Zertifizierung soll nun helfen, noch tiefer in andere Märkte vorzudringen. "Aber auch für die Entertainment-Industrie können wir hier tätig werden und zum Beispiel Zubehör für Joypads oder Actionkameras produzieren", zählt John Fitzgerald auf.

Einen anderen Weg geht MPO. Seit 2010 baute der französische Konzern sukzessive die Aktivitäten im Druckbereich aus. Ein Jahr später wurde Wettbewerber BDMO übernommen und in den Unternehmensbereich MPack integriert. Seitdem wird das Verpackungs-Know-how aus dem Medienbereich auf Branchen mit Premium-Produkten wie Kosmetik und Parfüm, Genuss, Luxus und Freizeit übertragen. Auch in der Unternehmenssparte MLink, die Services rund um Konfektionierung, Logistik und Fulfillment umfasst, arbeitet MPO mit Kunden außerhalb des Entertainmentmarktes zusammen. Dazu Sandra Fritzsch: "Diese frühzeitige Diversifizierung hat uns den Mehrwert gebracht, den wir in Zeiten rückgängiger physischer Medien brauchen."