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Torsten Radeck, Studiocanal, zu 20 Jahren Jahren Arthaus

20.05.2014 09:48 • von

Seit 2006 beschäftigen Sie sich als Studiocanal-Mitarbeiter mit Arthaus. Was wissen Sie über den die Gründung des Labels im Mai 1994?

Natürlich kenne ich die Ursprünge nur aus Erzählungen. Es war wohl so, dass Firmengründer Michael Kölmel nach einer Veranstaltung im Hamburger Filmbüro sinngemäß gesagt haben soll: "Ich fahre jetzt nach Hause und gründe selbst ein Label für Filmkunst." Für Kinoverleiher wie Pandora und Kinowelt war es damals schwierig, ihre Filme im Home Entertainment-Markt zu vertreiben. Sie hatten damals keine eigenen Vertriebsorganisationen und die etablierten Videovertriebe hatten nur wenig Interesse daran, sich mit Arthouse-Programm zu beschäftigen. Filmkunst fand im damaligen Videomarkt wenig oder gar nicht statt. Michael Kölmel war es dann leid, immer nur über das Problem zu diskutieren und hat als Erster die Initiative ergriffen.

Heute lässt sich Arthaus leicht als Erfolgsgeschichte beschreiben. Aber damals war das vermutlich ein gewagtes Unterfangen?

Wie jede Firmengründung. Andererseits darf man nicht übersehen, dass die ersten unter Arthaus veröffentlichten Titel erfolgreiche Kinofilme waren. Das Hochzeitsbankett" hatte mehr als 400.000 Kinobesucher; Orlando" von Pandora kam auf fast 300.000 Zuschauer. Solche Zahlen erreichen heutzutage manche hochbudgetierten Actionfilme nicht. Wie sich schnell zeigen sollte, hatten Michael Kölmel und seine Mitstreiter damals den richtigen Ansatz zur richtigen Zeit gefunden: Vom Hochzeitsbankett" wurden auf VHS 5.000 Stück verkauft.

Wie würden Sie diesen Ansatz beschreiben?

Zunächst einmal haben die Gründer einen genialen Namen für ihr Projekt gefunden "Arthaus" - das klingt wie , womit man Avantgarde und klassische Moderne assoziieren kann. Gleichzeitig lehnt sich der Name natürlich ans englische "Arthouse" an, womit im allgemeinen Verständnis künstlerisch anspruchsvolle Filme gemeint sind. Vielleicht sind wir der einzige Programmanbieter, der nicht böse ist, wenn der Name falsch geschrieben wird: Manchmal liest man "Arthaus", obwohl "Arthouse" gemeint ist und umgekehrt. Dazu kommen die Signalfarben Schwarz und Gelb sowie ein Logo, das im Laufe der Zeit zwar ein paar Mal optimiert, aber im Kern nie verändert wurde.

Arthaus hat also einen Markenkern?

Absolut. Der Markenkern definiert sich in erster Linie durch das Programm, das fast jedes Genre umfasst und von daher schwer auf einen einfachen Nenner zu bringen ist. Aber was alle Titel eint: Sie sind, wie unser CEO Rodolphe Buet sagt, "von herausragender künstlerischer Qualität". Gemeint ist, dass Arthaus für Filme jenseits des Popcorn- oder Blockbusterkinos steht, eben für den besonderen Film. Das kann alles sein, nur kein Mainstream. Was uns gelungen ist: Trotz einer nahezu undefinierbaren Vielfalt, wurden nie Filme ins Arthaus-Programm gemogelt, bei denen wir dachten: Wenn wir das Logo draufkleben, wird's schon jemand kaufen. Jeder Film muss eine künstlerische Komponente besitzen.

Ist so zu erklären, dass in einem Arthaus-Flyer King Kong und die weiße Frau" direkt neben Rom, offene Stadt" abgebildet werden kann?

Schönes Beispiel, weil hier auf den ersten Blick unvereinbare Filmwelten aufeinanderprallen. Aber es ist leicht zu erklären: "King Kong" war eine technische Pionierleistung und gilt als Klassiker des Monstergenres. "Rom, offene Stadt" ist einer der wichtigsten Vertreter des italienischen Neorealismus. Dass beide Titel als bedeutende Filmklassiker gelten, ist filmhistorischer Konsens, und insofern ist Arthaus die richtige Heimat für beide Titel. "King Kong" ist übrigens auch ein gutes Beispiel dafür, dass sich unser Programm nicht auf "schwere Filmkost" reduzieren lässt. "Leoparden küsst man nicht" oder der Weihnachtshit "Ist das Leben nicht schön", den wir kürzlich erst auf Blu-ray wiederveröffentlicht haben: das sind populäre Filme, die sich über die Jahrzehnte einen Ruf als Klassiker erarbeitet haben. Es ist ja so, dass sich im Laufe der Zeit der Blick auf Filme wandelt: Ich würde nicht ausschließen, dass der erste Saw"-Film in 50 Jahren als Meilenstein des Horrorgenres eingestuft wird. Dann könnte er unter Arthaus gelabelt werden. Heute wäre das undenkbar.

Ist beispielsweise Half Nelson" - auch aus Ihrem Programm - ein Klassiker?

Es geht gar nicht darum, dass jeder Arthaus-Film ein Klassiker sein muss. Bei "Half Nelson" haben wir es mit einem Debüt- und Independentfilm zu tun, und von daher passt er perfekt ins Arthaus-Portfolio. Den haben wir erstmals 2008 veröffentlicht. Zu einem Zeitpunkt also, als von Ryan Gosling die breite Öffentlichkeit kaum Notiz genommen hatte. Inzwischen profitiert der Film immer mehr vom Namen des Hauptdarstellers.

Ist das nicht bei vielen Filmen so, dass sie oft sehr viel Zeit benötigen, um annähernd rentabel zu sein?

Klar ist, dass wir etwas anders kalkulieren als bei einem Blockbuster wie "". Aber auch jeder Arthaus-Film sollte sich rechnen, eben nur im kleineren Maßstab. Die Gesetzmäßigkeiten der Refinanzierung sind grundsätzlich keine anderen; in der ersten Verwertungsphase sollte ein Großteil der Kosten wieder eingespielt haben. Wenn unser aktueller Titel Inside Llewyn Davis" erst in fünf Jahren den Breakeven erreicht, hätten wir falsch geplant. Richtig ist, dass manche Titel mehr Zeit benötigen und einzelne Filme es schwer haben, um profitabel zu sein.

Gehört das nicht zum Markenkern von Arthaus, "kleine" Filme" zu veröffentlichen, die niemals ihr Geld einspielen?

Arthaus ist kein Liebhaberprojekt in dem Sinne, dass wir sagen: Hauptsache wir haben ein tolles Image, egal was es kostet. Aber die Arthaus-Gründer haben beispielsweise eine besondere Verantwortung darin gesehen, den deutschen Film zu fördern. Deswegen ist Arthaus die Heimat von Regisseuren wie Werner Herzog, Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder und einigen mehr. Und dieser Verantwortung kommt Studiocanal gerne nach: Erst vor ein paar Tagen haben wir eine neue Werner-Herzog-Box auf Blu-ray herausgebracht. Es hat viele Produkte in den letzten 20 Jahren gegeben, die die Bedeutung des deutschen Films für Arthaus dokumentiert haben: Etwa die gigantische "Filmverlag der Autoren Edition" mit 50 DVDs. Es war auch immer eine große Freude zu sehen, wenn bedeutende Kinoregisseure wie Wenders und Schlöndorff ihre Werkausgaben-Editionen in Empfang genommen haben. Da hat man gespürt: Auf dieses Produkt sind sie richtig stolz. Oder nehmen wir das Beispiel Edgar Reitz, der gerade für seine "Andere Heimat" drei Lolas gewinnen konnte. Mit ihm haben wir bei der Herausbringung der verschiedenen Editionen zu seiner "Heimat-Trilogie" immer eng zusammenarbeitet und der Erfolg gibt uns Recht: Die Ausgaben -gehören zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Produkte in unserem Programm.

Können Sie die erfolgreichsten Arthaus-Titel benennen?

Der erfolgreichste Spielfilm ist "Grüne Tomaten"; die bestverkaufte Dokumentation ist "Die Reise der Pinguine".

Welche Rolle spielt die Produktausstattung bei Arthaus?

Zur Pflege des Labels gehört natürlich immer, die bestmögliche Bild- und Tonqualität anzubieten. Ebenso sind Originalsprache und Wendecover Standard. Im Einzelfall lassen wir neue Cover anfertigen. Beim Bonusmaterial stellt sich immer die Frage: Was ist verfügbar und was kostet es gegebenenfalls? Auch hier muss man sehen, was wirtschaftlich vertretbar ist.

Bei Titeln wie "Ran" von Kurosawa oder "Citizen Kane" ist das Bonusmaterial extrem üppig ...

Hier sprechen wir von Filmen, die als Special Editions oder in der "Arthaus Premium"-Reihe erschienen sind. Solche Bezeichnungen müssen durch die Produktausstattung gerechtfertigt werden. Die Labelpflege besteht nicht zuletzt darin, dass Konsumenten mit einer Marke wie Arthaus Qualitätsstandards verbinden, die wir nicht fahrlässig aufgeben dürfen. Was im Einzelfall bedeuten kann, dass keine Special Edition erscheint, oder ein Film überhaupt nicht veröffentlicht wird. Bei "Citizen Kane" lässt sich jedenfalls sehr schön ablesen, was beim Thema Bonusmaterial möglich sein kann: Die erste DVD von 1999 hatte bereits einige Extras, aber kein Vergleich zur Fülle der aktuellen Blu-ray-Fassung, die wir letztes Jahr veröffentlicht haben.

Von "Citizen Kane" hat Arthaus im Laufe der Jahre neun Produktversionen auf den Markt gebracht. Wie wichtig ist die Mehrfachwertung?

Arthaus ist primär ein Label für Katalogtitel. Aber wir können unsere Filme nicht wie Blockbuster beliebig abpreisen. Wir müssen kreativer sein, um unsere Titel immer wieder in Erinnerung zu bringen und alle Zielgruppen anzusprechen. Vom Bunuel-Klassiker "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" haben wir 2009 eine heute noch erhältliche "Arthaus Premium"-Fassung herausgebracht. Ein halbes Jahr später haben wir den Film als Einzel-DVD veröffentlicht. Noch ein halbes Jahr später haben wir "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" unter unserer Sub-Dachmarke "Arthaus Close-Up" zusammen mit zwei weiteren Bunuel-Filmen auf den Markt gebracht. Zusätzlich liegt inzwischen eine Blu-ray-Fassung vor. Das sind vier Produktvarianten innerhalb von drei Jahren.

Deswegen der regelmäßige Launch neuer Reihen wie "Arthaus Close-Up" oder "Arthaus Retrospektive"?

Man muss unterscheiden: Bei "Close-Up" werden bereits veröffentlichte Titel unter dem Namen prominenter Regisseure oder Themen wie "Dogma 95" gebündelt. Übrigens sehr erfolgreich: Von der Bunuel-Box haben wir allein 20.000 Stück verkauft. "Arthaus Retrospektive" besteht aus einem Mix an Wiederveröffentlichungen und Titeln, die erstmals auf DVD erscheinen. Aktuell zum Beispiel "Champagne" - ein Hitchcock-Stummfilm von 1928.

Warum sieht man Arthaus-Titel nie in Schütten für fünf Euro?

Weil es der Wertigkeit unserer Produkte völlig zuwiderlaufen würde. Wobei ich finde, dass wir bei den Preisstellungen eine gute Balance gefunden haben. "Arthaus Premium"-Titel wird man unter zehn Euro nicht finden. Andererseits konnte man die Titel der "Arthaus Collection" von Beginn an für 9,99 Euro erwerben. Und "Close Up"-Boxen mit drei DVDs sind oft für deutlich unter 20 Euro zu haben. So gesehen gibt's Arthaus auch für sehr kleines Geld.

Welche Rolle spielt die Präsentation im stationären Handel?

Einer der ganz wichtigen Erfolgsfaktoren des Labels sind die etwa 30 Arthaus-Shops bei Saturn, Müller etc. Übrigens vereinzelt sogar in Videotheken. Uwe Peter in Kiel oder Sevket Sahinler in Berlin sind dafür gute Beispiele. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Sortierung unseres Programms in die A-Z-Wand die Präsenz unserer Filme schmälert. Dort, wo das Arthaus-Programm gut sichtbar präsentiert wird, ist die Abverkaufsquote deutlich höher. Wenn die Shops gut gepflegt sind, kann der Wiedererkennungseffekt unserer schwarz-gelben CI-Linie seine volle Kraft entfalten: In den Läden lässt sich beobachten, dass Konsumenten vorm Arthaus-Regal stehen bleiben, obwohl sie offensichtlich keinen bestimmten Film suchen. Im besten Fall ist ein Impulskauf die Folge.

Wie würden Sie die Rangfolge der wichtigen Vertriebskanäle beschreiben?

Dass der Onlinehandel mit Amazon an der Spitze eine bedeutende Rolle spielt, weil dort ständig das komplette, lieferbare Programm vorrätig ist, dürfte niemanden wundern. Eine Sonderstellung hat Saturn wegen der angesprochenen Arthaus-Shops.

Und der Buchhandel?

Der Buchhandel ist von großer Bedeutung, weil wir dort Zielgruppen erreichen, die selten oder gar nicht bei Saturn, Müller etc. zu sehen sind. Im Buchhandel genießt Arthaus großes Vertrauen, weil dort bekannt ist, dass nahezu jeder Arthaus-Titel geeignet ist. Da mangels Fläche das DVD-Sortiment überschaubar bleiben muss, sind Buchhändler froh, dass wir mit unseren Editionen für sie eine Art Vorauswahl treffen. Dort hat man genug damit zu tun, die jährliche Zahl an Buch-Neuerscheinungen zu überblicken. Deswegen wiederum ist unsere Reihe "Edition Deutscher Film", auch als "KulturSpiegel" bekannt, beispielsweise im Buchhandel sehr erfolgreich. Und dass das Subgenre Literaturverfilmung, zu dem wir eine Fülle von Titeln anbieten, in diesem Vertriebskanal überproportional gut läuft, versteht sich ohnehin von selbst.

Inwieweit ist Arthaus in der digitalen Welt angekommen?

Wir verbreiten unser Portfolio auf allen Onlineplattformen. Zwar wird die Auswertung über das physische Produkt noch längere Zeit bestimmend sein, doch der gesamte Bereich der digitalen Distribution ist hochinteressant. Seit 2013 gibt es bei iTunes einen Arthaus Raum. Ein SVoD-Dienst plant derzeit eine Kampagne zu 20 Jahren Arthaus. Die Übertragung unseres Line Ups in die digitale Welt, ist aktuell einer unserer zentralen Herausforderungen. Und das Beste ist: Die Onlineplattformen mögen uns, eben weil Arthaus eine so bekannte Dachmarke ist. Deswegen gibt's im Jubiläumsjahr auf diversen Plattformen Aktionen unter dem Motto "Best of Arthaus".

Arthaus ist auch andernorts im Internet sehr präsent!

Ach ja, auf Facebook durften wir kürzlich unseren 50.000. Fan begrüßen. Tatsächlich lässt sich daran der enorme Bekanntheitsgrad ablesen. Wenn man bedenkt, für welches Programm Arthaus steht, ist das ein gigantischer Erfolg. Wir werden übrigens bald auch auf YouTube mit einem eigenen Arthaus-Channel starten.

Welche Aktivitäten gibt's zum runden Jubiläum?

Worauf wir uns besonders freuen, ist die Wiederaufführung von 20 unserer Titel in Programmkinos: Dafür haben über 100 Kinobetreiber abgestimmt, welche Filme ab 5. Juni im Rahmen des "Arthaus Festivals" laufen sollen. Erstmals digital aufgeführt werden Filme wie "Die Reifeprüfung", "Apocalypse Now Redux" und "Angst essen Seele auf". Am 2. Juni feiern wir den Beginn des Kinofestivals mit einer großen Auftaktveranstaltung in Berlin und bringen zum ersten Mal den zwanzig Minuten längeren Director's Cut von "Die Blechtrommel" ins deutsche Kino. Darüber hinaus wird es viele Arthaus-Klassiker erstmals auf Blu-ray geben, z.B. "" im Juni. Eine Sache, auf die ich besonders stolz bin, ist das 84-seitige Filmmagazin, dass im Juni gedruckt und als iPad-Variante erscheinen wird. Es ist kein Katalog und erst recht keine filmwissenschaftliche Abhandlung, sondern ein kurzer und vor allem unterhaltsamer Streifzug durch die Geschichte von Film und Label.