Kino

Aus für 35-mm-Kopien zeichnet sich ab

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Am 22. August bringt Concorde Juan Diego Solanas' 3D-Film "Upside Down" in die deutschen Kinos. Die SF-Romanze wird nur in digitaler Form ausgeliefert, wie in Zukunft alle weiteren Filme des Münchner Verleihs. Dies sei "nun offiziell unser Zeitpunkt der Umstellung", bestätigte Concorde-Verleihgeschäftsführer Markus Zimmer. Allerdings komme die Entwicklung nicht aus heiterem Himmel. "Die Kinos wurden bereits vor einiger Zeit mündlich von uns darauf hingewiesen, dass voraussichtlich ab Sommer 2013 die Auslieferung von 35-mm-Kopien für neue Verleihtitel eingestellt werden muss", führt er aus. Für den Repertoireeinsatz werde Concorde 35-mm-Kopien "so lange wie möglich" verfügbar halten. Noch ist nicht klar, wann die Umstellung auf digitale Filmkopien in Deutschland komplett abgeschlossen sein wird. Der HDF Kino hat eine Umfrage unter allen Verleihern gestartet, deren Ergebnisse im Lauf des nächsten Monats präsentiert werden sollen. Vom Verband der Filmverleiher liegt noch keine Einschätzung zu dem Thema vor. Neben Concorde hatte sich auch Prokino bereits zu Wort gemeldet. Der Münchner Verleih verkündete zwar noch keine komplette Abkehr von analogen Kopien, kündigte aber an, dass "Die Möbius Affäre" (1. August) und "Portugal Mon Amour" (29. August) nur noch für digitalisierte Kinos zur Verfügung stehen werden. Grund sei in diesen Fällen, dass vom Weltvertreib keine 35-mm-Kopien mehr zu erhalten seien. Eine Tendenz, die Zimmer bestätigt. Viele ausländische Lizenzpartner stellten kein analoges Ausgangsmaterial mehr zur Verfügung, wodurch dieses "unter enormen Mehrkosten" gesondert hergestellt werden müsste. "Dieser Aufwand steht in keinem wirtschaftlichen Verhältnis mehr zum erwartenden Einspiel der noch existierenden 35-mm-Spielstätten." Letztlich sei die Umstellung auch eine Reaktion auf die "rapide voranschreitende Digitalisierung" der Kinos, so der Concorde-Verleihchef weiter. Skepsis auf Seiten der Kinobetreiber Auch Christian Berg, Kinobeauftragter des Medienboard Berlin-Brandenburg, sieht eine positive Tendenz bei der Ausstattung der Filmtheater mit der neuen Technologie. "Die Digitalisierung hat sich deutlich dynamischer entwickelt als prognostiziert", sagt er. Das Medienboard hatte ebenso wie die Länderförderungen in Bayern und NRW zuletzt seine Kriterien gelockert, um in der Schlussphase der Digitalisierung auch kleinere Häuser unterstützen zu können. Birgit Bähr, Förderreferentin Filmtheater beim FilmFernsehFonds Bayern, sieht die Umstellung ebenfalls auf einem guten Weg. "In Bayern sind heute fast alle Kinosäle auf die digitale Kinotechnik umgerüstet. Die bayerischen Kinobetreiber haben rechtzeitig die Chancen und Fördermöglichkeiten genutzt und sich der Marktentwicklung angepasst."

Auf Seiten der Kinobetreiber herrscht allerdings Skepsis, wenn es um den richtigen Zeitpunkt für die ausschließliche Umstellung auf digitale Kopien geht. "Leider bieten viele kleinere Verleiher schon seit längerer Zeit keine analogen Kopien mehr an", berichtet Volker Kufahl. Der Geschäftsführer des Universum Filmtheater in Braunschweig hätte sich einen einheitlichen Umstellungstermin aller Verleiher zu einem späteren Zeitpunkt, etwa zum Jahresanfang 2014, gewünscht. "Da die DCI-zertifizierte Digitalisierung meiner beiden Kinosäle erst im August erfolgt, bin ich bis dahin zu technischen Zwischenlösungen gezwungen." Heinz Lochmann findet den Augusttermin, den Concorde angekündigt hat, "etwas zu früh". Zu viele Kinobetriebe seien noch nicht digital umgerüstet. "Es ist schade für die gesamte Filmbranche, wenn diese Kinos nun nicht mehr im selben Umfang beliefert werden können, wie es bisher der Fall war", sagt der Kinobetreiber. Iris Praefke verfügt im MoviementoBerlin zwar über einen komplett hybriden Betrieb mit digitaler und analoger Projektion, findet den Zeitpunkt der Kopienumstellung allerdings "relativ früh".

Eine Ansicht, der sich Matthias Helwig, der seine Breitwandkinos in Bayern ebenfalls bereits komplett digitalisiert hat, anschließt. "Ich kenne noch einige Betriebe, die nur 35 mm haben", sagt der Kinobetreiber, der auch Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Kino - Gilde deutscher Filmkunsttheater ist. Deren Belieferung müsse garantiert werden.

"Wir gehen nach einer internen Umfrage vom Frühjahr davon aus, dass derzeit rund 75 Prozent unserer Mitgliedsleinwände mit DCI-zertifizierten Projektoren ausgerüstet sind", berichtet der Vorstandsvorsitzende der AG Kino - Gilde, Christian Bräuer. Für rund die Hälfte der bislang noch nicht DCI-fähigen Säle sei noch offen, wie die Digitalausstattung finanziert werden könne. "Betroffen sind vor allem Leinwände, die nicht alle Förderkriterien erfüllen", führt Bräuer aus. "Hierzu zählen natürlich gerade auch Open-Air-Kinos, aber auch oftmals programmatisch besonders aktive Ein- oder Zwei-Saal-Theater mit langer Tradition." Branche und Politik müssten für die Betroffenen rasch Lösungsansätze finden, erklärt Bräuer.

Cornelia Klauß, kultur- und medienpolitische Sprecherin des Bundesverband kommunale Filmarbeit, hatte im Juni nach dem Bundeskongress des Verbands bilanziert, dass die Hälfte der rund 120 vom Verband repräsentierten kommunalen Kinos nicht die Voraussetzungen erfüllten, um von der FFA als Kriterienkinos gefördert zu werden. "Diese Drop-out-Kinos müssen sich mit Blu-ray behelfen oder eben darauf hoffen, dass die Technik immer billiger wird", kommentierte sie. "Wir können sicherlich nicht nach dem Gießkannenprinzip einfach alle Leinwände fördern", erklärt Christian Berg, "insofern werden einige Kinos analog bleiben und/oder sich auf E-Cinema beschränken müssen." Christian Bräuer fordert die Gewährleistung einer weiteren Belieferung mit analogen Kopien. Insbesondere hält er es nicht für vermittelbar, "wenn mit öffentlichen Mitteln in der Produktion oder im Verleih geförderte Filme dem Publikum vorenthalten würden", so der Vorstandsvorsitzende. "Dies würde die Akzeptanz derartiger Förderprogramme angreifen, und das will sicher niemand." Aufseiten der Länderförderer sieht man hierfür kaum Chancen. "Das Anliegen der AG Kino ist ehrenwert, geht aber an der Realität des Technikwechsels vorbei", findet Christian Berg. Er findet es notwendiger, "die Verleiher an ihre Selbstverpflichtung zu erinnern, die Kinodigitalisierung in Deutschland mit 20 Mio. Euro mit zu finanzieren". Davon sei "beim Treuhandmodell der FFA leider noch nicht viel zu spüren". Auch Bräuer sieht die Verleiher in der Pflicht. "Mit Hilfe der staatlichen Förderprogramme konnten viele Kinos rasch umgerüstet werden. Dies spart den Filmverleihern viel Geld - gerade auch in der Hybridphase, die nun deutlich kürzer als erwartet sein wird", gibt er zu bedenken. "Es darf daher jetzt auch erwartet werden, dass die Verleiher ihren Teil der Zusage einhalten: mit dem Branchenanteil und der Verfügbarkeit von Analogkopien im vertraglich vereinbarten Umrüstungszeitraum." Zimmer vertritt zu diesem Thema eine andere Ansicht. "Natürlich fehlen hier und da vereinzelt noch digitale Abspielmöglichkeiten, was sich in den kommenden Monaten - auch dank der Kriterienkino-Unterstützung der FFA - ändern wird", sagt er. "Nur kann von den Verleihern nicht erwartet werden, dass sie auf der einen Seite über keinesfalls kostensparende VPF-Modelle die Digitalisierung mit tragen und gleichzeitig weiterhin einen Hybridbetrieb finanzieren sollen. Irgendwann ist Schluss." jl

Die Kinodigitalisierung in Europa Die Kinomärkte in Norwegen, den Niederlanden und Luxemburg gelten als hundertprozentig digitalisiert. In Frankreich, Großbritannien, den anderen skandinavischen Ländern, Belgien, der Schweiz und Österreich wird der Anteil der digitalisierten Filmtheater mit mehr als 90 Prozent beziffert. "Norwegen war das erste Land weltweit, in dem die Kinodigitalisierung zu 100 Prozent abgeschlossen wurde", berichtet Bastian Sillner, Projektkoordinator beim Netzwerk Europa Cinemas. Unterdessen geht die Kinodigitalisierung in Südeuropa, nicht zuletzt bedingt durch die allgemein schwierige wirtschaftliche Lage, schleppend voran. In Italien etwa seien erst rund 60 Prozent der Filmtheater umgestellt. "Es gibt dort nach wie vor sehr viele Ein-Saal-Kinos, die noch nicht digitalisiert sind", berichtet Sillner. Dennoch würden die Kinobetreiber Ende des Jahres vor vollendete Tatsachen gestellt, da die Verleiher in Italien bis dahin das Ende der 35-mm-Kopien angekündigt hätten.