Kino

Wim Wenders zum 25. Europäischen Filmpreis

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Mit 25 ist der Europäische Filmpreis mehr als erwachsen. Welche prägenden Momente möchten Sie nicht missen? Für mich waren - und sind - die bewegendsten Augenblicke immer wieder die Auszeichnungen für ein Lebenswerk durch unsere Akademie an Filmschaffende wie Ingmar Bergman, Michelangelo Antonioni oder Claude Chabrol. Dieses Jahr ehren wir den großartigen Bernardo Bertolucci und mit dem Preis Achievement in World Cinema die wunderbare Helen Mirren. Von der Natur dieser Auszeichnungen her betrifft das vor allem Filmschaffende, die sich ihr Leben lang für den europäischen Film eingesetzt und über die Grenzen Europas hinaus gewirkt haben. Der Gegenpol dazu, die größten Überraschungen und immer wieder auch emotionale Höhepunkte, sind die Preise an junge und (noch) unbekannte Leute wie in den Darstellerkategorien oder bei den Regisseuren in der Kategorie European Discovery. Nicht nur, weil die sich oft am spontansten freuen, sondern weil es da auch neue Gesichter gibt, und man spürt, dass der eine oder die andere das Zeug hat, über Jahre das europäische Kino mitzuprägen.

In Tallin vor zwei Jahren räumte Roman Polanski mit sechs Trophäen ab, im vergangenen Jahr in Berlin herrschte mehr das "Gießkannenprinzip". Welches Modell favorisieren Sie? Es ist ja keine Jury, die entscheidet, sondern unsere 2700 Mitglieder. Diese Wahlen und auch die "Prinzipien" dahinter sind ein demokratischer Prozess. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mich über eine differenzierte Preisvergabe freue. Die Nominierungen dieses Jahr zeigen, dass sich die Filme höchst unterschiedlichen Themen widmen und jeder für sich eine eigene Erzählweise hat. Es gibt zwar Favoriten wie Michael Hanekes "Liebe" mit Nominierungen in mehreren Kategorien, aber es gibt wie immer auch eine Vielzahl anderer Filme im Rennen, die oft genug die Favoriten aus dem Weg geräumt haben. Es bleibt also spannend. "Die Filmbedürfnisse werden sich immer mehr differenzieren" Ein Ziel der Europäischen Filmakademie war und ist es, Bewusstsein für den europäischen Film zu schaffen, das Selbstbewusstsein zu stärken. Mission completed oder Mission impossible? Wir können mit Freude und Stolz behaupten, dass es dem europäischen Kino heute besser geht als vor einem Vierteljahrhundert, als wir die Notwendigkeit einer Europäischen Akademie erkannt und in die Tat umgesetzt haben. Die European Film Academy hat seit ihrer Gründung kontinuierlich Aufmerksamkeit für das europäische Kino geschaffen und -insbesondere kleineren Filmnationen zum Sprung in die europäische Filmfamilie verholfen. Der Europäische Filmpreis ist zu einer Art Drehscheibe für die Verbreitung und Förderung europäischer Filme und ihrer kommerziellen Möglichkeiten geworden. Ein Film mit dem "Gütesiegel" eines European Film Awards hat einfach bessere Chancen, seine nationalen Grenzen zu überschreiten und in die Welt hinauszugehen.

Welchen Wandel konstatieren Sie im Lauf der Zeit? Ist beispielsweise das Standing des europäischen Films in den USA besser geworden? In Europa bringen über 50 Länder Filme hervor, und es werden darin fast genauso viele Sprachen gesprochen. Da können wir ohnehin nicht mit amerikanischen Mainstream-Filmen konkurrieren. Aber das Schöne ist ja gerade, dass sich europäische und amerikanische Filme gar nicht vergleichen lassen, dass die einfach ganz unterschiedlicher Natur sind und anders funktionieren. Bei einem amerikanischen Film denkt man sofort an ein Genre oder an einen Star. Das europäische Kino hingegen spricht in vielen Sprachen, es besticht vor allem durch seine Vielfalt und seine Eigenarten: Ein spanischer Film ist von Grund auf spanisch, ein italienischer Film trägt das Herz Italiens in sich. Das europäische Kino ist im besten Sinne des Wortes "eigenwillig", ortsspezifisch, trägt lokale Farben, hat lokale Geschmäcker wie die verschiedenen europäischen Küchen auch, und ist eben kein Fast Food, das überall gleich schmeckt. Und 2012 war in jeder Hinsicht ein vielfältiges Filmjahr, in dem Filme wie "Ziemlich beste Freunde" aus Frankreich bewiesen haben, dass europäisches Kino sehr populär und kommerziell erfolgreich sein kann.

Es gibt immer mehr Koproduktionen, auch zwischen Europa und den USA. Was ist da ein europäischer Film? Es gibt bei der EFA ein klares und faires Punktesystem. Ein Großteil der Kerngewerke wie Regie, Schauspiel und Kamera müssen mit Europäern besetzt sein. Erfüllt der Film die vorgegebene Mindestpunktezahl, gilt er als vorwiegend europäisch und qualifiziert sich für den Filmpreis. Das ist ein nach Diskussionen und über die Jahre von unserem Vorstand immer differenzierter gestaltetes und von den Mitgliedern gebilligtes Verfahren.

Wie sieht Ihre Prognose für das Kino, speziell das europäische Kino, in den nächsten - sagen wir mal - zehn Jahren aus? Um das Blockbuster-Kino muss man sich keine Sorgen machen, das wird sicher weiter gedeihen, auch wenn da die wirklich originellen Ideen so langsam ausgehen und mehr und mehr recycelt wird. Gott sei Dank ist das wie in anderen Bereichen eine Wellenbewegung. Wenn die Leute genug von Fantasy haben, bekommen andere Genres wieder mehr Raum: Der Dokumentarfilm wird etwa in letzter Zeit stärker und vom Publikum mehr goutiert. Die Sehnsucht nach Realität steht im umgekehrten Verhältnis zum Überdruss an purer Unterhaltung. In Zukunft werden sich ganz allgemein Bedürfnisse immer mehr differenzieren. Die Menschen werden, nicht zuletzt durch das Internet, immer mehr gewohnt sein, selbst auszusuchen, was sie sehen wollen und brauchen. Und das soziale Bedürfnis nach Kontakt - gemeinsam mit Freunden oder der Familie oder sogar mit Fremden im Kino zu sitzen und etwas zu erleben, eben nicht allein -, das wird bleiben. Im Gegenteil: Bei der schleichenden physischen Vereinsamung der Menschen nicht zuletzt durch die sogenannten Social Networks wird das Kino an Wichtigkeit gewinnen, ist nach wie vor ein reales, nicht virtuelles Erlebnis, und das kann auch der größte Flachbildschirm zu Hause nicht ersetzen. Krisenzeiten waren immer gute Zeiten für das Kino. mk