Kino

Max Zähle geht ins Oscarrennen

06.05.2011 11:38 • von Jochen Müller

Wie haben Sie auf die Nachricht von der Nominierung für die Shortlist reagiert? Zunächst ist man stutzig. Wann bekommt man schon mal eine Mail von der Academy? Ich habe mir das dann vorlesen lassen. Die Nominierung als einziger deutscher Beitrag ist schon toll. Nun schauen wir mal, ob wir unter die ersten Drei kommen. Es ist eine Riesenfreude, eine Überraschung. Und klar sind wir stolz - damit hatten wir nicht gerechnet.

Gedreht wurde Ihr Film in Kalkutta. Ungewöhnlich für einen Studentenfilm. Was hat Sie dorthin gebracht? Das Thema. Es geht um illegale Adoptionen, die es tatsächlich gibt. Da geht es mir um die größtmögliche Authentizität. Aber der Film hat eine klare deutsche Perspektive. Schließlich steht ein deutsches Paar im Mittelpunkt.

War es leicht, das als Abschlussprojekt an der HMS finanziert zu bekommen? Geld hatten wir keins. Wir hatten ein Budget im Gegenwert der Flüge und des Equipments. Es ist großartig, dass uns das Team und die Schauspieler ohne Gage zugesagt haben. Dass wir jetzt gesehen werden, gibt zumindest etwas von diesem Engagement zurück.

Wie lange hatten Sie denn dann Zeit? Wir hatten zweieinhalb Monate Zeit zur Vorbereitung, gedreht wurde im August. Wotan Wilke Möhring und Julia Richter, die das Paar spielen, sind beide sehr gut gebucht. Wir hatten genau zwölf Tage zwischen zwei Drehs. Beide sind erst zum Drehstart angereist.

Ihre Schauspieler wurden hineingeworfen in eine fremde Welt - wie das Filmpaar. Genau. So hatten sie keine Zeit, sich vorzubereiten. Sie lernten erst vor Ort die Kultur kennten. Das strengte an, das sieht man auch. Dramaturgisch war das natürlich sehr wichtig.

Kannten Sie Indien bereits gut? Vor dem Dreh gar nicht. Wir haben für Terre des Hommes zunächst einen Dokumentarfilm zum Thema gedreht. Das hat uns die Türen bei weiteren NGOs geöffnet. Wir sind als Team auf Recherchereise nach Mumbai geflogen und dann mit dem Zug nach Kalkutta weitergefahren. Da hatten wir die Zeit, uns in den Film einzufühlen. Der Film ist mit Handkamera gedreht. Wie stark wurde improvisiert? Die Dialoge waren komplett vorbereitet, ich glaube da nicht an Improvisation. Als Schauspieler fällt man dabei zu stark in die eigene Persönlichkeit zurück. Aber die Art der Bewegung war frei, was den Film lebhaft und authentisch macht.

Konnten Sie unbehelligt drehen? Überhaupt nicht. Wotan ist auch in Indien bekannt; die Leute kennen ihn aus "Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat" als Kostar von Tom Cruise. Dementsprechend interessiert waren die Medien dort. Zwei Journalisten haben schließlich unser Thema weiterrecherchiert, sich als adoptionswilliges Paar verkleidet und bei Waisenhäusern angeklopft. Denen sagte man Sätze wie: "Wären sie gestern gekommen, hätten sie gleich ein Kind mitnehmen können." Unfassbar. Zwei Waisenhäuser wurden daraufhin geschlossen - das war eine direkte Auswirkung unseres Films.

Ist solch eine Wirkung wichtig für Sie? Es geht mir nicht um soziales Engagement, aber eine Art von Glaubwürdigkeit ist mir extrem wichtig. Ich muss den Figuren glauben.

Die Postgraduiertenausbildung an der HMS läuft zwei Jahre. Lang genug? Bei mir waren es nur 1,5 Jahre, ich bin nachgerutscht in den Studiengang. Aber ich habe vorher bereits als Regisseur im Musik- und Werbebereich gearbeitet; das Handwerk kannte ich gut. Der Vorteil des Studiums ist einfach, dass man sich ein Jahr ganz auf ein Projekt einlassen kann. "Raju" wäre nebenbei nicht möglich gewesen. Der Zeitdruck im Studium ist natürlich insgesamt hoch, aber die Konzentration ebenfalls.

Was hat sich seit dem Erfolg geändert? Das Feedback war seit der ersten Premiere beim in Saarbrücken gut. Der Film wird nun hoffentlich mehr gesehen - und die Leute sollten auch die Webseite "www.Raju-Film.com" besuchen. Ich bereite nun auch Langfilme vor. Ein Projekt soll in Norddeutschland spielen Aber ich habe auch vor, aus dem vielen Recherchematerial zu "Raju" etwas zu entwickeln. Da besteht natürlich eine Rieseninteresse. Aber dafür muss ich auch erst einmal kurz neue Energie sammeln. chg