Produktion

Florian Henckel von Donnersmarck über "The Tourist"

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

"The Tourist" erinnert an die romantischen Thriller der Fünfziger- und Sechzigerjahre - und ein Hollywood, dass es in dieser Form schon lange nicht mehr gibt. Schade, nicht wahr? Ich habe viele Drehbücher zugeschickt bekommen in der Zeit nach "Das Leben der Anderen" und mir nach der Lektüre immer wieder die Frage gestellt: Interessieren mich Superhelden, Monster und Explosionen wirklich so sehr? Hätten diese Filme mein Bild von Hollywood ebenfalls so sehr geprägt wie die glanzvollen Klassiker der Studiozeit? Ich fand nicht. Deshalb habe ich eine längere Zeit weiter an einem eigenen Stoff gearbeitet und mich zurückgezogen. Und dann kam plötzlich "The Tourist". Das hatte Potenzial. Ich wusste, dass ich daraus eine moderne Variante dessen machen konnte, was mich an Hollywood am meisten fasziniert hat.

Der Film erlaubt es Ihnen, Ihre romantische Vorstellung von Hollywood auszuleben. Aber haben Sie Hollywood denn wirklich auch als romantischen Ort erleben dürfen? Es geht natürlich auch ums Geschäft. Eine romantische Note lässt sich aber nicht verleugnen. Immerhin ist es ein Ort, der Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringt, um Geschichten zu erzählen, die von Menschen auf der ganzen Welt gesehen werden. Es gibt ganz gewiss keine Stadt auf der ganzen Welt, in der so viele kreative Menschen anzutreffen sind. Als Künstler und Filmemacher entwickelt man sich dort die ganze Zeit weiter. Alle dort wissen, dass man niemals ausgelernt hat. Ich habe mir für den Stab von "The Tourist" ganz bewusst Künstler ausgewählt, die ich immer schon geschätzt habe, und von denen ich lernen wollte: der Kameramann von Peter Weir, der Szenenbildner von Sydney Pollack, die Kostümfrau von Rob Marshall. Es war meine persönliche Art von Industriespionage.

... die Sie auch in Deutschland gewinnbringend anwenden wollen? Richtig. So stelle ich mir das vor. Ist die Leichtigkeit von "The Tourist" ein gewollter Gegensatz zu der Tragik von "Das Leben der Anderen"? Absolut. Ich wollte einen Film machen, der vom ersten Moment an vermittelt, dass nichts Furchtbares passieren wird, dass von dem Film keine Bedrohung ausgeht. Es sollte Action geben, Gefahr, aber es sollte dennoch nicht um Leben und Tod gehen. Es geht nicht um Existenzielles. Alles ist mit Leichtigkeit und einem Augenzwinkern erzählt. "Das Leben der Anderen" ist das Gegenteil davon. Von Anfang an muss man sich auf das Schlimmste gefasst machen; es ist ungewiss, was auf die Figuren und das Publikum zukommt. Die Filme spielen in völlig anderen Tonarten, ihre Webstruktur ist grundlegend verschieden.

Was fiel Ihnen schwerer? Ganz sicher "The Tourist". Was nichts zu tun hat mit dem Hollywoodapparat, der einem letztlich lediglich eine größere Schlagkraft ermöglicht. Ich musste mich einfach sehr konzentrieren, zu jedem Zeitpunkt diese angestrebte Leichtigkeit zu erzeugen. Das ist weniger einfach, als es klingen mag. In gewissen Momenten verfiel ich ganz automatisch in meine dramatische Inszenierungsart. Dann musste ich mich selbst zurücknehmen und daran erinnern, dass das der falsche Weg ist. Und wir mussten die entsprechenden Szenen noch einmal neu machen.

"The Tourist" hat eine ungewöhnlich lange Genese. Vor Ihnen sollte der Stoff bereits von dem Inder Bharat Nalluri mit anderen Darstellern, u. a. Tom Cruise und Charlize Theron, realisiert werden. Von Ihnen heißt es, Sie hätten zunächst Interesse be-kundet, dann aber wieder abgesagt, um schließlich doch zuzusagen. Die amerikanischen Branchenblätter werden oft von Agenten und Studios instrumentalisiert, um zu taktieren, Nachrichten zu streuen oder Tatsachen zu schaffen. Im Fall von "The Tourist" war das nicht anders. Tatsächlich war alles weniger aufregend, als es sich vielleicht in "Variety" oder "Hollywood Reporter" gelesen hat. "In der Tradition des Schauspielkinos" Sie haben lange Zeit in den Staaten verbracht, Ihr Film ist ein lupenreiner amerikanischer Studiofilm mit zwei der größten amerikanischen Stars in den Hauptrollen. Finden Sie dennoch, dass es sich erkennbar um die Arbeit eines deutschen Regisseurs handelt? Unbedingt. Ich bin vom deutschen Kino natürlich stark geprägt, was man "The Tourist" in meinen Augen durchaus ansieht. Vor allem aber ist es das Werk eines europäischen Filmemachers. Bei Schnitt und Inszenierungstempo habe ich mich nicht auf die Hektik der Amerikaner eingelassen. Vielmehr wollte ich meinen sehr, sehr guten Schauspielern den Raum geben, sich entfalten zu können. Das europäische Kino fühlt sich noch etwas mehr der Tradition des Schauspielkinos verpflichtet. Und natürlich will ich hoffen, dass man angesichts der Darstellung von Venedig und Paris sieht, dass es der Film eines Mannes ist, der Europa gut kennt und sehr liebt.

Sie setzen auf den besten Spezialeffekt, den das Kino kennt: das Gesicht des Menschen. Das sehe ich genauso, und ich möchte betonen, dass alles, was man in "The Tourist" sieht, tatsächlich auch so gedreht wurde. Die ganze Pracht der Darsteller, Kostüme, Locations, Action - alles ist echt! Das ist im Kino von heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

Sie erwähnten Industriespionage und eine mögliche Rückkehr zum deutschen Kino. Gibt es einen Masterplan, den Sie sich zurechtgelegt haben? Mein Ziel und Traum wären es, mittelfristig, gleichermaßen in Deutschland und den Vereinigten Staaten und in den beiden Filmwelten zu Hause zu sein. Ich will eine Brücke schlagen können, die Achse zwischen Amerika und Deutschland sein. Bisher, so hat man den Eindruck, mussten sich Filmemacher immer entscheiden, in welcher der beiden Welten sie arbeiten wollen. Vielleicht gelingt mir ein anderer Weg. Es gibt so viele interessante Geschichten, die mir auf der Seele brennen und sich nur in Deutschland und auf Deutsch erzählen lassen, für die man die Maschine Hollywood nicht braucht. Gleichzeitig schätze ich die Großzügigkeit und Reichweite des amerikanischen Films sehr. Beides möchte ich nicht missen müssen.

Wird man als Filmemacher von dem Rahmen, in dem man in Hollywood Filme realisieren kann, verdorben? "Das Leben der Anderen" habe ich für ein sehr bescheidenes Budget in Deutschland gemacht. Wäre er in Hollywood und mit den Möglichkeiten Hollywoods wirklich besser geworden? Wahrscheinlich nicht. Es ist einfach eine Frage des Stoffs. Was man in Deutschland nicht versuchen sollte, ist, Hollywood mit dessen Waffen schlagen zu wollen. Einen Actionfilm werden wir in Deutschland niemals so realisieren können, wie es in den USA möglich ist. Da sehen wir blass aus. Aber ein ernsthaftes Drama, das auf den Schultern großartiger Schauspieler ruht, das können wir in Deutschland genauso gut.

Ihr nächster Film wird wieder ein Originalstoff sein? Ja, ich habe eineinhalb Jahre an dem Drehbuch gearbeitet und denke, dass ich im nächsten Jahr drehen werde. Vom Ton her wird dieser Film dann wieder näher am "Das Leben der Anderen" sein und in einer unberechenbaren, gefährlichen und tatsächlichen Welt spielen. Aber ich werde ihn in Amerika machen. ts