Kino

Die Verleihung des 23. Europäischen Filmpreises: Gala ohne Sieger

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Vielleicht verstehen die 2300 Akademiemitglieder den Preissegen als eine Art "Wiedergutmachung" an den 77-Jährigen, der mit einer Fußfessel versehen in der Schweiz wegen eines Sexualdelikts aus den Siebzigerjahren monatelang ausharren musste. Deshalb grüßte Polanski wohl auch lieber per Skype vom gemütlichen Fernsehsessel aus (man konnte sich direkt die Pantoffeln an seinen Füßen vorstellen), während das Publikum im Saal größtenteils mit Fliege und im Abendkleid das Treiben auf der Bühne verfolgte. "Das ist zu viel", meinte Polanski beim Regiepreis und traf damit unfreiwillig auf breite Zustimmung. Die Häufung von Preisen für Produktionsdesign, Musik, Regie, Drehbuch, Schauspiel (Ewan McGregor meldete sich von Dreharbeiten in Thailand) und auch noch als bester Film zeugt von wenig Mut und Neugier, gerade im Vergleich mit den anderen herausragenden Nominierten. Dass Olivier Assayas' "Carlos - Der Schakal" nur mit dem Schnittpreis abgespeist wurde, passt in die seltsame Entscheidungspraxis wie auch die konsequente Nichtbeachtung von Ausnahmefilmen wie Xavier Beauvois' "Von Menschen und Göttern", Juan José Campanellas Oscar-prämiertem "In ihren Augen" oder des meditativen -Siegers "Bal - Honig" von Semih Kaplanoglu. Samuel Maoz kommentierte seine FIPRESCI-Prämierung als European Discovery für den -Gewinner "Lebanon" spitz, es sei doch ein "bisschen ungewöhnlich, entdeckt zu werden, wenn man fast 50 ist". Auch bei der Wahl der besten Darstellerin setzte man mit Sylvie Testud ("Lourdes") - die einen Brief vorlesen ließ - auf den bewährten Namen, während anwesende Talents wie Zrinka Cvitesic und Sibel Kekilli leer ausgingen. Ohne Trophäe blieben Fatih Akins "Soul Kitchen" (nominiert als bester Film) und Feo Aladags "Die Fremde" (European Discovery). Dem Moderatorenduo, Anke Engelke und ihrem lakonischen estnischen Kollegen Märt Avandi, gelang es trotz Polanskis langweiliger One-Man-Show und dröger Dankesreden, Stimmung in den Saal zu bringen. Ärgerlich war - wie schon in den vergangenen Jahren - die Abwesenheit eines Großteils der Nominierten, die sicherlich nicht nur dem diesjährigen Winterwetter geschuldet war, sondern einem tiefen Desinteresse. Sehr emotional dagegen die Vergabe der Ehrenpreise: Juliette Binoche lobte die Leidenschaft von Filmkomponist Gabriel Yared, der die Musik für über 80 Filme schrieb und zwei Tage zuvor mit den Brüsseler Philharmonikern als Ehrengast in Gents Partnerstadt Tallinn am Piano das Publikum entzückte. EFA-Präsident Wim Wenders hielt eine liebevolle Hommage auf Bruno Ganz und erzählte eine herrliche Anekdote, wie sich bei den Dreharbeiten zu "Der amerikanische Freund" der penible Ganz und der bekiffte Dennis Hopper prügelten, vom Set verschwanden und 24 Stunden später angeheitert als Freunde zurückkamen. Das estnische Tallinn, 2011 europäische Kulturhauptstadt, war eine gute Wahl und für das Land die Gala sicherlich ein Gewinn. Aber die EFA muss aufpassen, dass der wichtige Filmpreis nicht zum gut organisierten Verwaltungsakt erstarrt, es fehlt an Innovationslust, Schwung und Attraktivität. Gastgeber im nächsten Jahr ist Berlin, 2012 Valetta auf Malta. mk

23. Europäischer Filmpreis - Die Gewinner Europäischer Film 2010 "Der Ghostwriter" (FR/DE/GB), Produzenten: Robert Benmussa, Alain Sarde und Roman Polanski

Beste Regie Roman Polanski für "Der Ghostwriter"

Beste Schauspielerin Sylvie Testud für "Lourdes"

Bester Schauspieler Ewan McGregor für "Der Ghostwriter"

Bestes Drehbuch Robert Harris & Roman Polanski für "Der Ghostwriter"

Beste Kamera Giora Bejach für "Lebanon"

Bester Schnitt Luc Barnier & Marion Monnier für "Carlos - Der Schakal"

Bestes Produktionsdesign Albrecht Konrad für "Der Ghostwriter"

Beste Musik Alexandre Desplat für "Der Ghostwriter"

European Discovery 2010 "Lebanon" (IL/DE/FR) von Samuel Maoz

Dokupreis - Prix Arte "Nostalgia de la luz" (FR/DE/CL) von Patricio Guzmán

Bester Animationsfilm "L' illusionniste" (GB/FR) von Sylvain Chomet

Bester Kurzfilm "Hanoi - Warsaw" (PL) von Katarzyna Klimkiewicz

Prix Eurimages Zeynep Özbatur Atakan (u.a. "Iklimler")

Lifetime Achievement Award Bruno Ganz

Achievement in World Cinema Gabriel Yared