Kino

Drei Europäische Filmpreise für "Das weiße Band"

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Die Freude über den dreifachen Erfolg war dem österreichischen Filmemacher, der bereits 2005 mit "Caché" zu den großen Gewinnern gezählt hatte, deutlich anzumerken. "Jetzt bin ich wirklich fassungslos", sagte Haneke auf der Bühne in Bochum, als er nach den Preisen für die beste Regie und das beste Drehbuch auch noch die Trophäe für den besten Film in Empfang nehmen durfte. "Das ist wirklich ein toller Moment."

Mit der Ehrung für das Drama, in dessen Mittelpunkt eine norddeutsche Dorfgemeinschaft kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs steht, endete die Gala, zu der rund 1400 geladene Gäste in die Bochumer Jahrhunderthalle gekommen waren. Sie erlebten eine kurzweilige Preisverleihung, bei der die Verantwortlichen mit Anke Engelke als Gastgeberin die richtige Wahl getroffen haben. Die Entertainerin und Schauspielerin führte charmant und witzig durch den Abend, sorgte immer wieder auch mit an ihre "Ladykracher"-Fernsehshow angelehnte Einspielfilme und Backstage-Sequenzen für Lacher im Publikum. So sah man Engelke hinter der Bühne, als sie die Laudatoren Jesper Christensen und Nino Kirtadzé zum Putzen der EFA-Trophäen verdonnerte, oder auch beim Fußballkicker-Spiel mit dem umjubelten "Looking for Eric"-Darsteller Eric Cantona.

Der ehemalige Fußballprofi verließ den Kickertisch dann allerdings, um eine Laudatio auf den Ehrenpreisträger Ken Loach zu halten. Cantona würdigte den 73-jährigen Filmemacher als "einen Mann, dessen Filme uns Hoffnung machen". Anschließend nutzte der von der Überreichung des Lifetime Achievement Awards und den stehenden Ovationen des Publikums sichtlich gerührte Loach die Bühne zur einzigen ausführlicheren Dankesrede an diesem Abend. "Diejenigen, die sich für die Belange des europäischen Films einsetzen, verdienen großen Dank", erklärte der Regisseur. "Nach wie vor gibt es aber das Problem, dass in vielen europäischen Ländern zu wenig europäische Filme in den Kinos zu sehen sind."

In diesem Zusammenhang forderte Loach auch von der Politik mehr Anstrengungen, um den europäischen Film in Europa zu stärken. Zudem erinnerte er daran, dass es viele Regisseure gebe, die aufgrund der politischen Situation in ihren Heimatländern nicht die Möglichkeit hätten, ihre Filme in der von ihnen gewünschten Form zu machen. "Mit ihnen müssen wir uns solidarisieren", forderte Loach.

Ein weiterer Ehrenpreis ging in Bochum an Isabelle Huppert, die die Auszeichnung European Achievement in World Cinema erhielt. Bevor die französische Schauspielerin in ihrer kurzen Rede das Kino als "Sprache der Freiheit, die nicht boykottiert werden darf" würdigte, sorgte eine Umbesetzung des Laudatoren-Postens für Schmunzeln. Volker Schlöndorff übernahm die Aufgabe von %Sir Ben Kingsley%, der offenbar seinen Flug aus London verpasst hatte. "Man hat mich als Ersatz ausgesucht, weil unsere Haartracht so ähnlich ist", kommentierte Schlöndorff launig.

Deutlicher ins Gewicht fiel das Fehlen von bekannten Namen unterdessen in der Kategorie Beste Schauspielerin, in der kaum eine der Nominierten anwesend war. Engelke machte auch hier das Beste aus der Situation und führte kurzerhand ein Gespräch mit den leeren Sesseln der Damen Winslet, Gainsbourg und Cruz. "Diese Schauspielerinnen sind so gut, dass sie auch unsichtbare Frauen perfekt darstellen können", erklärte die Moderatorin dem Publikum. "Wenn Sie sie nicht sehen können, ist das Ihr Problem." Die Laudatoren Caterina Murino und Branko Djuric kehrten jedoch bald zum ernsthaften Part der Veranstaltung zurück und kürten Kate Winslet für ihre Rolle als ehemalige KZ-Aufseherin in "Der Vorleser" zur Siegerin. Regisseur Stephen Daldry, der das auf dem Roman von Bernhard Schlink basierende Drama zum Teil in Nordrhein-Westfalen inszeniert hatte, nahm die Auszeichnung in Vertretung der Oscar-Preisträgerin entgegen. Er übermittelte zudem Winslets Grüße und Lob an ihren jungen Schauspielerkollegen David Kross. Loach fordert Einsatz vonseiten der Politik Dieser war in der Kategorie Bester Schauspieler ebenfalls nominiert (und persönlich in Bochum anwesend), ging aber leer aus. Die Jury hatte sich für Tahar Rahim, den Hauptdarsteller aus Jacques Audiards "Un prophète", entschieden. Insgesamt gingen zwei Europäische Filmpreise an den französisch-italienischen Gefängnisthriller, der in den Großen Preis der Jury erhalten hatte. In Bochum wurde auch der Prix d'Excellence an Brigitte Taillandier, Francis Wargnier, Jean-Paul Hurier und Marc Doisne verliehen, die für das Sounddesign von "Un prophète" verantwortlich zeichneten.

Immer wieder stellte die Gala in der ehemaligen Stahlwerkshalle in Bochum auch Bezüge zum kommenden Jahr her, in dem das gesamte Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas fungieren wird. "Diese Veranstaltung ist ein perfektes Pre-Opening für Ruhr 2010", sagte der NRW-Medienminister Andreas Krautscheid, der die Preisverleihung zusammen mit der Geschäftsführerin der European Film Academy, Marion Döring, dem Geschäftsführer der Filmstiftung NRW, Michael Schmid-Ospach, dem künstlerischen Direktor von Ruhr 2010, Dieter Gorny, und EFA-Präsident Wim Wenders eröffnete. Während der in Oberhausen aufgewachsene Wenders seine nach wie vor vorhandenen Kenntnisse des Ruhrgebiets-Idioms demonstrierte ("Hier umme Ecke bin ich zur Schule gegangen"), wies Schmid-Ospach noch einmal auf die Attraktivität des Filmstandorts Nordrhein-Westfalen hin. Produktionen wie "Der Vorleser", "Wüstenblume" oder "Antichrist" seien hier realisiert worden, weil die Verantwortlichen wüssten, "dass sie hier alles vorfinden, um einen guten Film zu drehen". Schmid-Ospach zitierte in diesem Zusammenhang Lars von Trier: "We came for the money, but we stayed for the nice treatment."

Eingebettet war die Verleihung des Europäischen Filmpreises, die 2010 im estnischen Tallinn stattfinden wird, in diesem Jahr in ein umfassendes Programm, das sich über mehrere Tage im Vorfeld der Veranstaltung erstreckte. So waren im Rahmen der Europäischen Filmwoche in Kinos in Essen, Duisburg, Bochum, Oberhausen, Dortmund und Köln die für den besten Film nominierten Werke und Filme der für den besten Regisseur nominierten Regisseure zu sehen. "Wir sind überzeugt, dass wir im Kulturhauptstadtjahr 2010 darauf aufbauen können", zog Christine von Fragstein, Organisatorin der Filmwoche, eine positive Bilanz. "Bei fast allen Vorstellungen konnten wir sehen, dass es hier ein sehr interessiertes Publikum für den europäischen Film gibt, das unser Angebot begeistert wahrgenommen hat."

Abgerundet wurde das Rahmenprogramm durch eine Filmgala für Ken Loach, die am Vorabend der Preisverleihung in der Essener Lichtburg stattfand, und durch die EFA Master Class in Unna-Massen. Dort trafen sich Regisseure wie Danny Boyle, dessen "Slumdog Millionär" in Bochum den Publikumspreis erhielt, und Peter Liechti (Dokfilmpreis für "Das Summen der Insekten - Bericht einer Mumie") zum intensiven Meinungsaustausch mit jungen Filmemachern.

Boyle fand dabei auch lobende Worte für prominente Regiekollegen. "James Cameron ist ein Genie", sagte er mit Blick auf "Avatar". "In 50 Jahren werden wohl nur noch Filme in der Art wie dieser gemacht werden." jl