Kino

25 Jahre Kinowelt: Vom Hörsaal zum Medienkonzern

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Der Auftakt war mustergültig: Schon während seines Studiums hatte der kinobegeisterte Michael Kölmel an der Universität Göttingen Filme vorgeführt. 1984 gründete er mit seinem Bruder Rainer den Kinowelt Filmverleih, den die beiden folgerichtig um eine Filmtheaterkette und einen Videovertrieb erweiterten. Dennoch ist die Geschichte der Kinowelt von Umwälzungen geprägt, die in der deutschen Filmlandschaft nicht so schnell -ihresgleichen finden. Zum 25. Geburtstag ist die Zeit der Verwerfungen längst abgeschlossen. Die Veränderungen, die das Unternehmen derzeit durchmacht, zielen in Richtung Wachstum.

Trotzdem lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Denn auf den Leistungen der Firmengeschichte baut auch der heutige Erfolg noch auf. Den Kölmels gelang es, die Kinowelt nicht nur als erste Adresse für den Filmkunstverleih zu etablieren, sondern mit dem 1994 gegründeten Arthaus-Label den heute führenden Markennamen für den besonderen Film zu schaffen. Zudem bewiesen sie, wie Partnerschaften mit amerikanischen Playern funktionieren können. In Zusammenarbeit mit Ministudios wie Miramax und New Line sicherte man sich die deutschen Rechte an Franchises wie "Scream". "Der englische Patient" markierte dann einen der Höhepunkte der Entwicklung: Knapp 3,2 Mio. Zuschauer wollten das Liebesmelodram sehen - 1997 ein Firmenrekord. Im gleichen Jahr wuchs der Umsatz auf 119 Mio. Mark. Durch den Börsengang am Neuen Markt schien die Expansion eine neue Größenordnung zu erreichen. Nicht zuletzt weil sich die Kinowelt die deutschen Rechte an einer Filmtrilogie sicherte, die später zu den größten Umsatzbringern der Branche avancieren sollte - "Der Herr der Ringe". Zudem erwarb man attraktive Rechtebibliotheken - mit dem Filmverlag der Autoren und der Bioskop Film GmbH fast das gesamte bundesdeutsche Kunstkinoschaffen der Siebzigerjahre oder die Jugendfilm mit ihrem Archiv, das von Asterix bis Bertolucci reichte. Allerdings war der Verkauf von Fernsehrechten ein wichtiges Standbein. Als wichtige Sender nicht die gewünschten Summen für das 500 Mio. Mark schwere US-Filmpaket zahlen wollten, geriet das Unternehmen in eine Schieflage und war 2001 gezwungen, Insolvenz anzumelden. Die "Herr der Ringe"-Lizenz musste man abgeben.

Doch der Kinowelt gelang das Comeback: 2003 erwarb man mit neuen Krediten das Kerngeschäft einschließlich der Filmbibliothek aus der Konkursmasse zurück. In Leipzig begann die Geschichte von Kinowelt 2.0. Zum 1. Juli startete "Asterix in Amerika", bald folgte der Überraschungs-Dokuhit "Deep Blue". Und die Fortüne setzte sich fort: 2005 übertraf "Mr" das Einspiel des "Englischen Patienten", 2006 sorgte das Fußball-" Sommermärchen" für den nächsten Rekord - fast vier Mio. Zuschauer. Entscheidend für die Nachhaltigkeit des Erfolgs war und ist die Home-Entertainment-Auswertung. Nachdem man 2005 auch die DVD-Rechte der Kirch-Filmbibliothek erwarb, verfügt das Unternehmen über 7000 Titel - darunter deutsche Kult-Franchises wie "Sissi", "Mit Schirm, Charme und Melone" und der Klassiker schlechthin, "Die Feuerzangenbowle". Effektiv ließen sich davon 1600 auf DVD auswerten. Gerade weil am Anfang nur der Katalog zur Verfügung stand, entwickelte man besondere Findigkeit, um ihn mit Sondereditionen und verpackungen zu vermarkten. Auch setzte man von Anfang an auf hohe Qualität.

So konnte die von der Holding Kinowelt GmbH geführte Gruppe 2006 bereits wieder mit 152 Mitarbeitern einen Umsatzerlös von 105,7 Mio. Euro erzielen. Vermutlich hätte sich das Unternehmen als solider deutscher Independent behauptet. Doch dann wurden die Weichen Richtung Zukunft noch mal neu gestellt. Die französische StudioCanal, ein Tochterunternehmen der zum Medienkonzern Vivendi gehörenden Canal-Plus-Gruppe, übernahm die Kinowelt Anfang 2008.

Die Konsequenzen für den Bereich Home-Entertainment waren sofort offensichtlich. Schließlich konnten die Leipziger nunmehr auch 5000 Titel der französischen Mutter auswerten, darunter klassische Blockbuster wie "Highlander" oder "Rambo". Aber die Folgen für das Kinosegment werden erst jetzt auch für Außenstehende greifbar. Die Verleihtitel des Jahres 2010 geben einen ersten Vorgeschmack - darunter die George-Clooney-Komödie "Männer, die auf Ziegen starren", Roman Polanskis "Der Ghostwriter", die Actionkomödie "Killers" mit Ashton Kutcher, die Nicholas-Sparks-Verfilmung "Das Leuchten der Stille" oder der 3-D-Animationsfilm "Around the World in 50 Years". "Hatte man früher bereits einzelne Titel dieses Kalibers, so werden wir diese nun viel regelmäßiger und öfter im Programm haben", so Verleihchef Kalle Friz. Für diese neue Marktpräsenz gibt es einen ganz eindeutigen Grund: Kinowelt tritt nicht mehr allein, sondern als Teil der StudioCanal-Gruppe auf. "Dadurch haben die Verkäufer auch eine finanzielle Sicherheit, die es früher so nicht gab", so Einkaufschef Daniel Guckau von Kinowelt International.

In der Regel versucht man, Titel für drei Territorien zu erwerben - Deutschland, Frankreich und England, wo StudioCanal den Verleiher Optimum Releasing besitzt. Es gibt auch Fälle, wo Kinowelt und Optimum gemeinsam akquirieren - etwa bei "The Wrestler" und bei Horrortiteln wie Darren Lynn Bousmans "Mother's Day". Neue Stärke im Verbund Einer konzertierten Aktion hat die Kinowelt beispielsweise "Around the World in 50 Years" zu verdanken, um das auch verschiedene Weltvertriebe boten. Aber die spektakulärsten Resultate dieser Marktmacht sind zwangsläufig US-Filme - etwa "The Tourist" mit Angelina Jolie oder Paul Haggis' "The Next Three Days" mit Russell Crowe. In gewissem Sinn knüpft die Kinowelt an frühere Traditionen an, als man durch Deals mit Starproduzenten wie Gale Anne Hurd versuchte, an große Filme zu kommen. Diese Pläne sollten sich indes nicht konkretisieren. Andere hochkarätige Titel waren nur als Teil von Rechtepaketen verfügbar, die auch diverse Enttäuschungen enthielten. Doch inzwischen suchen die Studios zunehmend Koproduzenten für aufwendige Projekte. Und ein Spieler, der die drei wichtigsten Territorien Europas abdecken kann, ist da begehrt. Andererseits haben die Studios ihre Eigenproduktionen eingeschränkt und treten nun als Bieter um Independent-Filme auf. "Da ist es wichtig, dass man mit einem europäischen Studio auftritt", so Guckau. Teilweise geht der Anstoß für solche Produktionen auch von der Kinowelt-Mutter aus. So besitzt StudioCanal die Rechte auf die Remakes von "Die Klapperschlange" wie "Cliffhanger" und ist dabei, diese Projekte mit US-Partnern zu koproduzieren, wobei die deutschen Rechte dann an die Kinowelt gehen. Gleichzeitig sind auch die Töchter frei, selbst Koproduktionen anzustoßen. Optimum Releasing realisiert etwa die Graham-Greene-Verfilmung "Brighton Rock" mit Helen Mirren. Da Kinowelt laut Guckau darin einen "qualitativen Arthaus-Film mit Cross-over-Potenzial" sieht, wird man den Film in Deutschland herausbringen. Konkrete Pläne für eine internationale Koproduktion der Kinowelt gibt es noch nicht, doch grundsätzlich ist auch dies vorgesehen. Zu Kooperationen kommt es bei reinen Home-Entertainment-Akquisitionen wie "Universal Soldier", der von allen Territorien nur für die DVD-Auswertung erworben wurde. Dabei ist die Kinowelt nicht gezwungen, im Verein mit den Partnern zu agieren. Der neue Film von Jean-Pierre Jeunet, "Micmacs", stammt beispielsweise nicht von StudioCanal. "Es wird auch kein Film eingekauft, von dem wir sagen, dass wir ihn nicht haben wollen", so Friz. Eine weitere Bezugsquelle sind einheimische Produktionen, die - wie das Beispiel "Sommermärchen" zeigt - zu großen Umsatzbringern avancieren können. Demnächst ist Drehbeginn für "Die Wand" mit Martina Gedeck von Rainer Kölmels Starhaus Filmproduktion, die bis 2011 weitere Filme zur Palette beisteuern wird. Auch Michael Kölmels Neue Schönhauser Filmproduktion wird für Kinowelt Filme liefern.

Eine zentrale Rolle für den langfristigen Erfolg spielen aber die internationalen Premiumprodukte. Und das gilt nicht nur für den Kinosektor. Auch wenn der Katalog nach wie vor ein wichtiger Umsatzbringer ist, so gibt es auch hier Grenzen. Schon allein deshalb, weil, abgesehen von attraktiven Einzeltiteln wie "Der eiskalte Engel", kaum noch nennenswerte Kataloge am Markt verfügbar sind. "Unser Ziel ist es, dass wir regelmäßig einen starken großen Titel haben", so Home-Entertainment-Chef Jan Rickers. "Nur so können wir es erreichen, der größte Independent zu werden." 2009 liegt der Marktanteil des Unternehmens bei vier Prozent im Kaufbereich und bei sieben Prozent im DVD-Verleih.

Dank des Arthaus-Labels hat die Kinowelt eine fast unangefochtene Stellung im Kunstkinosegment. Die festigt sie seit Jahren durch Kooperationen mit Verlagshäusern. Durch Veröffentlichungen in Reihen des Spiegel Verlags, des Süddeutschen Verlags und von Focus Burda war es möglich, rund zwei Mio. Einheiten abzusetzen. Ein neues Highlight ist die Edition "Edition deutscher Film" in Zusammenarbeit mit dem KulturSPIEGEL. In einer Sammelbox und als Einzeltitel wurden 50 Meilensteine des heimischen Nachkriegs-kinos herausgebracht - anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Bundesrepublik und des 20. Jahrestags des Mauerfalls.

Auch Blu-ray spielt eine zunehmend wichtigere Rolle. So veröffentlichte die Kinowelt in diesem Jahr das Gros ihrer wichtigen Titel im neuen Format. Allerdings ist sich Jan Rickers der Grenzen dieses Segments bewusst: "Hierzulande gibt es bestenfalls eine Mio. Menschen, die Blu-ray schauen." Die Strategie, sich das Publikum mit massiven Preisnachlässen zu erschließen, hält er für falsch: "Diese begrenzte Zielgruppe ist durchaus bereit, auch mehr zu investieren." Er sieht seine Aufgabe darin, nicht nur den Katalog weiter akribisch auszuwerten, sondern gemeinsam mit seinen Managementkollegen die vielversprechenden US-Titel zu akquirieren. Die Identität der Filmpalette soll aber gewahrt bleiben. Konstanten sind Arthaus, Genre und deutsche Film und eben kommerzieller Mainstream, der jetzt mit noch mehr hochkarätigen Titeln bedient wird. In der Kinovermarktung stellen sich noch spezifische Heraus-forderungen. So besitzen die klassischen Marketinginstrumente längst nicht mehr die gleiche Reichweite wie früher. Kalle Friz setzt daher neben TV-Spots, Plakatierungen und Radiokampagnen auch auf neue Methoden, um der Fragmentierung der Zielgruppen gerecht zu werden. Hier fungiert der Filmverleih als Contentberater, der das Publikum frühzeitig mit Informationen versorgt und mit ihm in Austausch tritt - ob über Kommunikationsdienste wie Twitter oder Online-Communities wie Facebook oder StudiVZ.

Doch egal, wie nun die Zuschauer zu den Filmen der Kinowelt finden, ob übers Internet, dank ihrer Vorliebe für Qualitätsfilme oder einfach angeregt durch eine originelle DVD-Verpackung - letztlich läuft es darauf hinaus, dass sie George Clooney, Angelina Jolie oder eine Schildkröte im Hochglanzformat sehen. Und dieses - erhoffte - Vierjahreszeiten-Märchen begann einmal ganz beschaulich in einem Vorführsaal der Universität Göttingen. rüst