Film

Baz Luhrmann schuf ein Epos über seine Heimat

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Sollen wir ein Kind zur Welt bringen oder einen Film über Alexander den Großen machen? Mit dieser ungewöhnlichen Frage konfrontierten sich Regisseur Baz Luhrmann und seine Frau und Kreativpartnerin, die Produktions- und Kostümdesignerin Catherine Martin ("Moulin Rouge") im Jahr 2002. Das Konkurrenzprojekt von Oliver Stone näherte sich der Drehreife. Eile war geboten, um den eigenen Film mit Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio anzuschieben. Doch das Ehepaar wählte das private Glück - und sechs Jahre später führte diese "richtige Entscheidung" dazu, dass der Australier Luhrmann seinem Heimatkontinent ein rund 130 Millionen Dollar teures Epos widmet.

Mit seinen poppig-verspielten Filmen über Bühnen- und Showbizwelten, von "Strictly Ballroom" bis "Moulin Rouge", hatte er 2001 seine Roter-Vorhang-Trilogie abgeschlossen. Doch der aus einer Kleinstadt in New South Wales stammende Filmemacher hatte sich in seiner Jugend auch noch in andere Sphären geträumt - in die großen Spektakel des Breitwandkinos wie "Lawrence von Arabien". Seit Langem hegte er den Plan, ein Epos in dieser Tradition zu schaffen. Nach dem Stopp des Alexander-Films begann ein Prozess der Rückbesinnung, nicht zuletzt inspiriert durch die Geburt von Tochter Lillian Amanda. "Wir lebten damals in Paris, aber wir fragten uns: Wo ist eigentlich unsere Heimat? Wo ist die Heimat unserer Kinder?" So begann er sich in intensiven Recherchen mit seiner australischen Herkunft auseinanderzusetzen. Am Ende stand das Drehbuch zu einem neuen Epos. "Australia" erzählt die Geschichte einer englischen Aristokratin, die Ende der 30er-Jahre nach Down Under reist, um eine Viehranch zu verkaufen. Die steife Adlige, die der Filmemacher mit der Katharine-Hepburn-Figur in "African Queen" vergleicht, muss dafür eine Rinderherde durch die wild-exotische Kimberley-Region in Westaustralien treiben. Dazu benötigt sie die Hilfe eines rauen Australo-Cowboys, mit dem sie eine Romanze beginnt. Gleichzeitig droht der Angriff der Japaner, die schließlich die Stadt Darwin, den Zielpunkt der Reise, bombardieren.

Für Luhrmann war "Australia" aber auch ein Weg, um die Kultur der Ureinwohner und das Schicksal der "gestohlenen Kinder" zu würdigen, der Aborigines-Generation, die seitens der weißen Behörden ihren Eltern weggenommen und in die Erziehungslager der Einwanderer gesteckt wurde. So wurde ein Mischlingswaisenjunge zur Zentralfigur des Films. Als sich die australische Regierung 2008 offiziell für die damalige Unrechtspolitik entschuldigte, war dies für den Regisseur auch eine Bestätigung seiner Filmgeschichte, die er mit Koautor und Landsmann Stuart Beattie ("Collateral") entwickelt hatte.

Vorübergehend sah es allerdings so aus, als stünde auch dieses Projekt unter keinem guten Stern. Mit Nicole Kidman stand zwar die weibliche Hauptbesetzung fest, aber ihr Partner Russell Crowe schied nach angeblichen Differenzen mit dem Studio im Frühjahr 2006 aus. Innerhalb weniger Wochen fand sich aber ein Ersatz mit einem der anderen veritablen Männerstars des australischen Kinos, "X-Men"-Hauptdarsteller Hugh Jackman.

Am 30. April 2007 begannen schließlich die Dreharbeiten in New South Wales. Die zweifache Oscar-Preisträgerin Martin und ihr Designteam schufen dafür unter anderem Straßenzüge des historischen Darwin und das riesige Gehöft der Heldin. Zum Einsatz kamen nicht nur 2000 originalgetreue Kostüme, das Vierfache wie bei "Moulin Rouge", sondern auch Hunderte von Rindern, die nach historischen Vorgaben ausgesucht wurden.

Dennoch ging es Luhrmann nicht um eine detaillierte historische Rekonstruktion, sondern um eine "gesteigerte Realität", laut seiner Auskunft in Stil und Atmosphäre mit "Vom Winde verweht" vergleichbar. Luhrmann lässt sich auch die Chance nicht entgehen, Anklänge an den Mythos des "Zauberer von Oz" in sein Nationalepos Australiens, englischsprachig verkürzt zu "Oz", einfließen zu lassen.

Seinen Ansatz nannte er "Lean-Lucas". Einerseits spielte sich ein Gutteil des rund acht Monate langen Drehs in der rau-majestätischen Natur ab, ganz wie beim Großmeister des Filmepos, David Lean, gleichzeitig gab es aber auch Innendrehs in Fox' Sidney-Studios samt George-Lucas-typischem Bluescreen. Doch die härteste Phase der Aufnahmen erlebte Luhrmann, als er mit 20 Kindern Nachtszenen in einem dunklen Wassertank drehte.

Auch die Postproduktion erweist sich derzeit als aufreibend. Dass Luhrmann gerade gegen eine Lungenentzündung ankämpft, macht seine Aufgabe nicht leichter. Die besteht vor allem darin, die verschiedenen Tonalitäten der Geschichte auszubalancieren: "Es gibt schon einen Grund, warum Filme wie diese nicht mehr gemacht werden" musste der 46-Jährige erkennen: "Heutzutage fallen Filme in eine Kategorie - Komödie, Drama, Romanze -, und sie sind auf eine bestimmte Zielgruppe zurechtgeschnitten. Wir dagegen kombinieren das und versuchen etwas zu bieten, was alle Geschmäcker und Publikumsschichten anspricht - so wie die Breitwandepen von damals. Deshalb müssen wir alles aufeinander abstimmen. Wir dürfen nicht zu naturalistisch, aber auch nicht zu übersteigert sein."

Noch eine weitere Erkenntnis: "Die Klassiker sind allesamt linear erzählt, während moderne Filme viel mehr Nebenhandlungen einflechten. Wenn man aber einen nichtlinearen Film hat, dann ist es leichter, ihn zu fokussieren. Wir dagegen müssen minuziös an jedem kleinen Taktschlag arbeiten. Nichts darf einfach nur okay, zu kurz oder zu lang sein. Der Rhythmus muss von Anfang bis Ende stimmen."

Der nahende US-Start am 26. November sorgt für zusätzlichen Druck (D-Start: 25. Dezember, Fox). "Jeden Tag frage ich mich: Werde ich es wirklich schaffen?", so Luhrmann skeptisch. Aber bei genauerem Hinhören ist ein enormes Selbstbewusstsein zu erkennen, auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Twentieth Century Fox. Der Filmemacher vergleicht sich mit einem anderen Regiepartner des Studios: "Wie James Cameron kreiere ich ein Werk, bei dem sich niemand einmischen sollte. Meine Frau, mein Team und ich haben etwas von Grund auf geschaffen. Natürlich bin ich an den Meinungen meiner Partner interessiert, aber letzten Endes ist das ein australischer Film." Und die Arbeit australischer Filmschaffender ist laut Luhrmann nur von einer Frage bestimmt: "Wird unser Leben durch unsere kreative Arbeit bereichert? Das ist das Kriterium für unser ganzes Leben." Wenn sich dieses Ethos auch in "Australia" manifestiert, dann könnten sich in der Tat breite Publikumsschichten dafür begeistern. rüst