Film

Der Europäische Filmpreis feierte sein 20. Jubiläum

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

"Der europäische Film ist zugleich Realität und Utopie", formulierte es Wim Wenders vorsichtig vor 20 Jahren bei der ersten Verleihung des Europäischen Filmpreises. Viel hat sich verändert, seit der Preis 1988 im damals noch durch den eisernen Vorhang getrennten Europa erstmals vergeben wurde. Der europäische Film hat deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen. Die Lücke, die Autorenfilmer-Ikonen wie Antonioni, Bergman oder Godard hinterlassen haben, beginnt sich zu füllen mit den Arbeiten einer neuen Generation europäischer Filmemacher. Es rücken aufregende Filme nach, gerade die geopolitischen Veränderungen und Migrationsbewegungen bringen spannende Geschichten hervor. Und diese finden allmählich auch ihr Publikum. 1988 war mit Krzysztof Kieslowskis "Ein kurzer Film über das Töten" zwar ein polnischer Film mit dem ersten Europäischen Filmpreis ausgezeichnet worden, doch die Nischen, die Hollywood-Filme in Europas Kinos ließen, wurden ausschließlich mit westeuropäischen Autorenfilmen bestückt. Der Anteil osteuropäischer Filme bewegte sich dagegen noch bis vor Kurzem gegen null. Das beginnt sich in der erweiterten Europäischen Union nun allmählich zu ändern.

In seiner Eröffnungsrede auf der Gala befand Kulturstaatsminister Bernd Neumann, es sei wunderbar, zu sehen, dass der europäische Kontinent seine Stärke wiederentdecke. Der Staatsminister unterstrich die Bedeutung des Films für die Schaffung einer gemeinsamen Identität: "Wie kaum ein anderes Medium ist der Film geeignet, die Nationen Europas einander näher zu bringen. Gerade der neue europäische Film aus den jungen EU-Ländern erzählt eindringliche, wunderbare Geschichten." Er verwies auch auf ein Zusammenwachsen in Sachen Koproduktionen: Mehr als ein Drittel (nämlich 33) der bislang durch den DFFF geförderten Filmprojekte seien internationale Koproduktionen, davon 28 europäische. Darunter etwa Ole Christian Madsen Kriegsdrama "Flame and Citron" mit Mads Mikkelsen und Christian Berkel. Neumann appellierte an die Filmschaffenden: "Ich hoffe sehr, dass die europäischen Filmschaffenden in den kommenden Jahren verstärkt die Chancen des DFFF nutzen werden."

Programmatisch steht der Gewinner des diesjährigen Filmpreises für einen Umbruch und das Kommen des osteuropäischen Films. Cristian Mungiu in der späten Ceaucescu-Ära angesiedeltes Drama "Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage", das schon in Cannes die Goldene Palme gewann, wurde als bester europäischer Film 2007 prämiert. Ein Film, der ein eindringliches Bild vom Leben in der rumänischen Diktatur mit seinen alltäglichen kleinen Schikanen und existenziellen Problemen vermittelt. Konsequenterweise bedachten die Akademiemitglieder Mungiu zudem mit dem Regiepreis. Möglich, dass "Vier Monate..." nun wie "Das Leben der Anderen" im Vorjahr gestärkt ins Oscar-Rennen geht, in dem auch Fatih Akin auf eine Nominierung hofft. Der rumänische Regisseur erklärte, er freue sich ja darüber, dass alle Leute ihm immer erzählten, sie hätten viel Gutes über seinen Film gehört. Doch würde er es noch mehr begrüßen, wenn all diese Leute sich den Film auch ansehen würden. Er legte damit seinen Finger in eine altbekannte Wunde des europäischen Kinos. Denn wenngleich der europäische Film - insbesondere angesichts einer vergleichsweise schwächelnden Hollywood-Konkurrenz - in den letzten Jahren erstarkt ist, tun sich die meisten Produktionen außerhalb des Festivalkontexts immer noch schwer, über ihre Landesgrenzen hinaus Zuschauer anzuziehen. So geht der dezent gestiegene Marktanteil des europäischen Films denn auch in erster Linie auf die Fans im jeweiligen Produktionsland zurück.

Auch in diesem Jahr traf dieser Umstand auf die meisten Filmpreisnominierten zu. Doch Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel. Gerade einzelne deutsche Filme konnten in den vergangenen Jahren im Ausland punkten, etwa "Das Leben der Anderen" oder "Vier Minuten". Auch die Auslandskarriere der deutschen Oscar-Hoffnung "Auf der anderen Seite" darf man gespannt verfolgen, in Frankreich ist der Film jüngst beachtlich gestartet. Mit Strand Releasing, der schon "Gegen die Wand" und "Crossing the Bridge" herausgebracht hat, hat Fatih Akins Drama inzwischen auch einen US-Verleih. Bei der Europäischen Filmpreisverleihung blieb es dann - wie schon in Cannes - beim Drehbuchpreis für Akin. Doch der Hamburger Filmemacher, der 2004 der große EFA-Gewinner in Barcelona war, wirkte kein bisschen enttäuscht. "Wir freuen uns über jeden Preis, ob groß oder klein", erklärte er nach der Preisvergabe. Auf der Bühne dankte er seinem Cutter und seinen zwei Skript-Doktoren, ohne die seine Drehbuchvorlage nicht zu dem Film geworden wäre, der nun vorliege.

Die deutsche Großproduktion "Das Parfum" von Tom Tykwer, die ebenso wie Chris Kraus' "Vier Minuten" nicht in den Königskategorien nominiert worden war, konnte sich am Ende der Verleihung immerhin über zwei Auszeichnungen freuen für Kamera (Frank Griebe) und Ausstattung (Uli Hanisch).

Dass Europa seine Grenzen neu definiert, zeigte auch die doppelte Auszeichnung für den israelischen Film "Die Band von nebenan" als europäische Entdeckung und für den besten Darsteller Sasson Gabai. Der israelische Schauspieler, der im Film als tragikomischer ägyptische Kapellmeister überzeugte, war der große Überraschungssieger des Abends. Als beste Schauspielerin wurde erwartungsgemäß Oscar-Preisträgerin Helen Mirren für "Die Queen" prämiert, die leider, wie auch der ebenfalls ausgezeichnete "Queen"-Komponist Alexandre Desplat, nicht persönlich zur Verleihung gekommen war. Sie blieben leider nicht die Einzigen, die durch Absenz glänzten, auch Frank Griebe und Alain Resnais waren nicht gekommen. Wenn es nicht einmal die nominierten Filmschaffenden für notwendig befinden, zur Verleihung zu kommen, verwundert es nicht, dass der Europäische Filmpreis trotz versetzter TV-Berichterstattung (auf Arte) nach wie vor weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Europäische Filme reisen nur zögerlich Dass Ehrenpreisträger Jean-Luc Godard sein Kommen kurzerhand absagte, um gegen die Auszeichnung für sein Lebenswerk zu protestieren ("Ich bin noch nicht fertig!"), kam nicht unerwartet, pflegt der Regisseur doch auch mit 76 Jahren noch seine Lust am Widerspruch. EFA-Präsident Wim Wenders war sichtlich enttäuscht ("Es war wohl nicht der richtige Augenblick in deinem Leben") und erzählte - ähnlich wie später auch Michael Ballhaus - dass er sich seinerzeit Godards "Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß" gleich achtmal hintereinander angesehen habe, so fasziniert sei er von dem Film gewesen. Godard habe "drei Generationen von Leuten hier im Raum" begeistert und geprägt.

Der zweite Ehrengast war immerhin erschienen. Michael Ballhaus wurde für seinen Beitrag zum Weltkino geehrt. Hier fand der Preisvergabe-Marathon einen kleinen Höhepunkt. Auch wenn die Laudatio reichlich schräg ausfiel: Christopher Doyle hatte offenbar schon zu viel von dem Sponsoren-Wodka genossen, sichtlich angetrunken kam er ohne Schuhe auf die Bühne ("They gave me a script but I don't care a shit!") und erklärte, Ballhaus, er und überhaupt alle Anwesenden im Saal seien "wonderful cinema whores". Leider vergaß er, Ballhaus namentlich zu erwähnen, sodass der Ehrenpreisträger sich kurzerhand selbst vorstellte. Ballhaus erzählte aus seiner 45 Jahre umspannenden Dreherfahrung, die in der siebten Zusammenarbeit mit Martin Scorsese bei "Departed" seinen Höhepunkt fand.

Für Ballhaus der passende Zeitpunkt, Abschied von Hollywood zu nehmen. Scorsese schickte eine rührende Video-Grußbotschaft - und die anwesenden Europäer blickten einmal mehr sehnsüchtig nach Amerika. Laudatorin Jeanne Moreau griff Doyles Worte später auf und bekannte sich, sie sei stolz, der "fucking wonderful community of cinema whores" anzugehören.

Alles in allem war es also eine würdige runde Geburtstagsfeier für die EFA, zu der sich knapp 1400 Gäste eingefunden hatten. Die zahlreichen Stellvertreterauftritte und Videobotschaften der abwesenden Preisträger trugen ungut dazu bei, dass sich die Verleihung ohne nennenswerte Höhepunkte hinzog. Zu allem Überfluss fiel über weite Strecken auch noch die Videoprojektion des Bühnengeschehens auf eine Großleinwand aus, sodass alle, die nicht direkt vor der Bühne platziert waren, bald nur noch erahnen konnten, wer gerade auf der Bühne stand. Jan Josef Liefers und Emmanuelle Béart moderierten solide und ohne die zweisprachig abgehaltene Zeremonie unnötig zu verzögern. Die wenigen Einlagen außer der Reihe wirkten bemüht, etwa als Liefers die Norwegerin Liv Ullmann auf schwedisch ansprach. Fragwürdig war auch die Wahl der Showband. Die in die Jahre gekommenen Leningrad Cowboys waren vielleicht eine originelle, weil unkonventionelle Wahl. Doch während ihres dröhnenden Kasatschok-Rock-Konzerts im Anschluss an die Verleihung erstarben leider die Gespräche.

Trotz hochkarätiger Gäste wie Jeanne Moreau, Mads Mikkelsen, Sergi Lopez oder Virginie Ledoyen fehlte der Preisverleihung seltsamerweise wieder einmal der Glamour-Faktor. Von einer europäischen Oscar-Verleihung ist die EFA also weit entfernt, aber vielleicht ist das ja auch gut so. Denn der europäische Film wird ja eben genau nicht von den Schauspielstars, sondern von den Filmemachern geprägt. Da war es denn auch charmant zu beobachten, wie Julie Delpy den roten Teppich den deutschen Sternchen überließ und selbst mit wissendem Lächeln den Nebeneingang in die Arena nahm.

Die kommenden Austragungsorte des Europäischen Filmpreises sind Kopenhagen, Berlin und Tallinn. zim

EFA-Konferenz: Europe on the Move, Migration in Movies

"Europe on the Move" lautete das Thema der diesjährigen EFA- Konferenz über die Auswirkungen von Migration auf Filmschaffen und die Entstehung einer neuen Filmkultur.

Im vergangenen Jahrhundert eroberten deutsche Migranten Hollywood, heute prägt die zweite Generation von Einwanderern das europäische Kino, zählen Werke von Deutsch-Türken wie Fatih Akin zum cineastischen Alltag, wie auch das "cinema beur" in Frankreich oder der Einfluss von Pakistani und Inder auf den englischen Film. Migration im Filmbereich ist also kein neues Phänomen. Auf drei Panels versuchten Diskutanten einen Konsens zu finden. Dominierte anfänglich noch die deutsche Larmoyanz, Migranten auch im kreativen Bereich als entwurzelte Opfer der Umstände zu definieren, wendete sich bei der Runde mit dem deutsch-französischen Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, "Persepolis"-Regisseurin Marjane Satrapi und Danis Tanovic ("No Man's Land") das Blatt. Der aus Bosnien-Herzegowina stammende Regisseur Tanovic konstatierte gleiche Bedürfnisse, unabhängig von Ideologien, und empfindet sich nach Jahren in Belgien auch als belgisch, wichtig sei die Distanz - die zur alten Heimat würde größer, die zur neuen kleiner. Das fördere die Produktivität. Zwischen drei Stühlen sah sich die im Iran geborene Satrapi, die nach einem Aufenthalt in Österreich inzwischen in Frankreich lebt: "Das ist mal bequem, mal nicht." Energisch wandte sie sich gegen "Vorurteile des Mitleids". Als positive Seite der Migration betrachtete Cohn-Bendit die Freiheit von Verpflichtungen und die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. Fazit der Veranstaltung: Der europäische Film braucht Migranten, die Entstehung einer neuen kulturellen Identität ist Inspiration und Frischzellenkur. Die Autoren der transkulturellen Geschichten wollen Fragen stellen, aber keine Antworten geben und keinesfalls in die Multikultiecke. Das Kino kann weiter gehen als Fernsehnachrichten und Grenzen überschreiten.

Organisiert wurde die EFA-Konferenz in Zusammenarbeit mit der FFA und dem Medienboard Berlin-Brandenburg. mk