Film

20 Jahre Europäischer Filmpreis

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Der Europäische Filmpreis sollte kein Proporzdenken und keine ideologischen Auswahlkämpfe kennen, er sollte nur Europa und dem europäischen Film verpflichtet sein. Vor allem sollte er das europäische Kino nach vorn bringen, der nationale Film sollte endlich seine Grenzen überwinden und auch in anderen Ländern Erfolge feiern. Ein Traum, an dem noch gearbeitet werden muss. Denn die Zirkulation der Filme hat sich nicht maßgeblich verbessert, seit mit viel Pomp und Aufwand der erste Europäische Filmpreis im Theater des Westens verliehen wurde. Heute ist man in Sachen Preisverleihung sehr viel bescheidener, vielleicht auch realistischer, geworden. Die 20. Verleihung des Europäischen Filmpreises findet, wie schon vor zwei Jahren, nun in einem alten Straßenbahndepot statt, der Arena in Treptow. Eine angemessene Location, in der trotz ihrer Größe sogar Stimmung aufkommen kann.

1988 war Berlin Kulturhauptstadt Europas. Der Plan war, dass der Filmpreis in der jedes Jahr neu zu bestimmenden Kulturhauptstadt Europas stattfinden und in dieser Verknüpfung den europäischen Film einem breiten Publikum schmackhaft machte sollte. Doch die Verknüpfung klappte nur ganze drei Mal. Überwältigt vom Fall der Mauer und dem Einbruch der Realität fand die Veranstaltung 1991 im Studio Babelsberg statt. Im Jahr darauf griff der Veranstalter, die 1989 gegründete European Film Academy (EFA), erneut auf das Studio als Austragungsort zurück. Die Luft war draußen, das Geld offenbar auch. Von 1993 bis 1997 wurde der Filmpreis wieder in Berlin ausgerichtet. Teils an trüben Samstagvormittagen in einem alten, als Kabarett genutzten Zirkuszelt auf einer jener berüchtigten West-Berliner Brachen, die heute kaum noch existieren. Zwischenzeitlich sah es sogar so aus, als ob die Tage der Filmakademie gezählt seien.

Im Herbst 1995 war die Finanzierung des Filmpreises nicht mehr gesichert. Berlin versagte im Rahmen von Sparmaßnahmen, zu denen sie nach Jahren des politisch gewollten Überflusses nun gezwungen war, die Unterstützung. Wim Wenders, der mit "Der Himmel über Berlin" bei der ersten Verleihung als bester Regisseur ausgezeichnet worden war, legte sein Amt als Vorsitzender der EFA nieder. Im Mai 1996 erhielt die EFA eine neue Finanzierungsstruktur, und Marion Döring übernahm die Geschäftsführung. Wenders nahm sein Engagement wieder auf und übernahm vom Gründungspräsidenten Ingmar Bergman dessen Amt. Die Vollversammlung beschloss grundlegende Änderungen, die die Basis für das heutige Bestehen der EFA bilden. 1998 wurde eine neue, moderner anmutende Preisstatuette eingeführt. Die von dem Berliner Bildhauer Markus Lüpertz geschaffene Bronze "Das Genie der Jugend schützt die Freiheit" - besser bekannt als Felix - musste einer namenslosen, schlanken, silbernen Frauenfigur weichen.

Die EFA finanziert sich im Wesentlichen aus Mitteln der deutschen Klassenlotterie, dem BKM, dem MEDIA-Programm, dem Medienboard Berlin-Brandenburg sowie Partnern und Sponsoren. Im Gegenzug dafür, dass die Akademie zu einem erheblichen Teil von Deutschland finanziert wird, hat sie ihren Sitz in Berlin und richtet alle zwei Jahre die Preisverleihung dort aus. Dafür gibt es jedoch keine Extramittel, weshalb hier alles etwas bescheidener und bodenständiger ausfällt - der Realität des europäischen Films entsprechend. Bei den im Zweijahrestakt wechselnden Gaststädten sitzt das Geld lockerer. Dort ist die Ausrichtung des Preises eine einmalige und glanzvolle Ehrensache.

Am 1. Dezember findet nun das 20. Familientreffen der europäischen Filmbranche wieder in Berlin statt. Wim Wenders rühmte das Filmpreiswochenende vor zwei Jahren als "eine einzigartige Möglichkeit der europäischen Filmschaffenden, einmal richtig Zeit miteinander zu verbringen". Ein gute Gelegenheit, um Kooperationen zu besprechen und zu erfahren, was in den Nachbarländern geschieht. Weder die Filmakademie noch der Filmpreis mag seinem Ziel, den europäischen Film beim Publikum zu einer festen Größe zu machen, wirklich näher gekommen sein; doch die Familie der Kreativen ist es auf jeden Fall. Immerhin: Die diesjährigen sechs Nominierungen für den besten europäischen Film sind alle ins deutsche Kino gekommen.Eine erfreuliche Bilanz. Natürlich ist dies auch auf die Politik der Akademie zurückzuführen, die dazu tendiert, möglichst breitenwirksame Filme und Filmemacher zum Zuge kommen zu lassen, was wiederum die Aufmerksamkeit des Publikums auf den Europäischen Filmpreis steigern soll. Ein mühsamer Weg, der jedoch den Bedürfnissen des Zuschauers entgegenkommen und langfristig seinen Zweck erfüllen dürfte. stei

Europäische Filmpreisgewinner 1988 bis 2006*

2006: "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck (Deutschland) 2005: "Caché" von Michael Haneke (Frankreich/Österreich/ Deutschland/Italien) 2004: "Gegen die Wand" von Fatih Akin (Deutschland) 2003: "Good Bye, Lenin!" von Wolfgang Becker (Deutschland) 2002: "Sprich mit ihr - Hable con ella" von Pedro Almodóvar (Spanien) 2001: "Die fabelhafte Welt der Amélie" von Jean-Pierre Jeunet (Frankreich) 2000: "Dancer in the Dark" von Lars von Trier (Dänemark/Schweden/Frankreich/Deutschland) 1999: "Alles über meine Mutter" von Pedro Almodóvar (Spanien/Frankreich) 1998: "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni (Italien) 1997: "Ganz oder gar nicht" von Peter Cattaneo (Großbritannien) 1996: "Breaking the Waves" von Lars von Trier (Dänemark/Frankreich) 1995: "Land and Freedom" von Ken Loach (Großbritannien/Spanien/ Deutschland) 1994: "Lamerica" von Gianni Amelio (Italien/Frankreich) 1993: "Urga" von Nikita Michalkow (Russland/Frankreich) 1992: "Gestohlene Kinder" von Gianni Amelio (Italien/Frankreich/Schweiz) 1991: "Riff-Raff" von Ken Loach (Großbritannien) 1990: "Offene Türen" von Gianni Amelio (Italien) 1989: "Landschaft im Nebel" von Theo Angelopoulos (Griechenland/Frankreich/Italien) 1988: "Ein kurzer Film über das Töten" von Krzysztof Kieslowski (Polen/Deutschland) *Gelistet ist jeweils die Auszeichnung als bester Europäischer Film des Jahres