Film

David Lynch über "Inland Empire"

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Mangels eines US-Verleihers übernahmen Sie den Vertrieb Ihres Films in Eigenregie. Eine gute Erfahrung? Die Präsentation mit anschließender Diskussion auf einer Neun-Städte-Tour war ein voller Erfolg. Ich konnte die Projektion selbst überprüfen, mit den Kinobesitzern sprechen und eine intensive Verbindung zum Publikum aufbauen. Bei solch einer Aktion hat man viel mehr Kontrolle und steht nicht unter dem Druck des ersten Wochenendes.

Sie haben erstmals mit einer DV-Kamera gedreht. Mit einer Sony PD 150, eine wirkliche Bereicherung und Arbeitserleichterung. Erst habe ich nur kleine Sequenzen für meine Internetseite gedreht und nie daran gedacht, die Kamera für einen langen Film einzusetzen. Sie ist schnell und leicht, man sieht sofort, was man an Material bekommt, braucht weder ein großes Team noch eine komplizierte Ausleuchtung, die Kosten sind überschaubar. Ein Regisseur kann endlich ohne zig Mio. und zickige Produzenten seine Ideen verwirklichen.

Ihre Filme - insbesondere "Inland Empire" - erinnern an Bruchstücke eines Puzzles, sind nicht immer verständlich. Aber sie erzählen eine Geschichte. Auch wenn man den Eindruck hat, dass sie in ihre Bestandteile zerfällt. Die Struktur hält den Film als Ganzes, gibt ihm eine Form. Je abstrakter ein Film ist, desto mehr Interpretationen fordert er heraus.

Und was ist, wenn der Zuschauer - wie beim Filmfestival in Venedig - nicht viel mit der Umsetzung anfangen kann? Man muss den Festivaltrubel abwarten, dann setzen sich einige Dinge. Venedig gab viele interessante Impulse. "Inland Empire" kommt jetzt gut an. Es ist, wie es ist. Den Zuschauer kann ich nicht kontrollieren. Der eine sieht die Welt ganz einfach durch die schwarze, der andere durch die rosarote Brille.

Ihre Werbung für eine Oscar-Nominierung schlug hohe Wellen. Für eine normale Oscar-Kampagne fehlte uns das Geld. Ich dachte, die Academy-Mitglieder mögen Showbusiness, und habe mich an einer Straßenecke mit einem Laura-Dern-Plakat, einem Piano-Player und einer Kuh postiert, um die Werbetrommel zu rühren. Das ist doch Showbusiness in Reinkultur.

Ihre drei letzten Filme wurden von Studio Canal finanziert. Sind europäische Produzenten offener für experimentelle Ideen? Ich hatte nie Schwierigkeiten, Geld zu bekommen. Wenn jemand ausstieg, guckte ich mich nach einer anderen Finanzierungsquelle um. Mit Studio Canal hoffe ich weiterhin auf gute Partnerschaft. Bis zu meiner "Inland Empire"-Tour dachte ich auch, dass Europäer mein Werk besser verstehen. Inzwischen glaube ich, dass viele Amerikaner das alternative Kino lieben und Neuerungen offen gegenüberstehen. In den USA wächst ein Publikum jenseits der Formula-Filme heran, während Hollywood Europa aufrollt. Sorge bereitet mir die Abkehr der jungen Generation vom Arthouse-Kino, das nicht als hip gilt. Wer Kino nur noch als Geldmaschine definiert, schlägt die Tür für Innovationen zu. Ich bin sicher, irgendwann taucht etwas völlig Unerwartetes auf, und die Leute fahren darauf ab. Hollywood bleibt nur, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, denn das Filmgeschäft ändert sich rapide. Die Studios werden ihre Strategien ändern, mit Stargagen und Kosten runtergehen müssen. Die Filmpiraterie lässt den Profit schmelzen.

Warum leben Sie nahe Hollywood? Sie wirken wie ein New Yorker Intellektueller. Mit dem Hollywoodsystem bin ich auf Distanz, aber ich liebe das Licht in Los Angeles, dieses flirrende Gefühl von Freiheit und "Alles ist möglich" in der Luft. In New York werde ich klaustrophob. Woody Allen hat diese Legende von den New Yorker Intellektuellen in die Welt gesetzt. Aber in Manhattan sind nicht alle klug und in Hollywood nicht alle blond. Idioten gibt es überall. mk