Film

Programmkinostudie: Besucher werden jünger

01.01.1970 01:00 • von Barbara Schuster
Die 6. Filmkunstmesse Leipzig besuchten über 1000 Fachbesucher (Bild: Tom Schulze)

Nach wie vor gibt es in Bayern und Baden-Württemberg die höchste Dichte an Programmkinos, in Berlin gibt es die meisten Häuser pro Einwohner. Beim Verzehr liegen die Programmkinos weiterhin weit hinter den Zahlen der Mainstream-Häuser. Dr, Casablanca Oldenburg, schätzt die Zahlen aber sogar noch schlechter ein und kritisierte die Diskrepanz zwischen den FFA-Ergebnissen, die auf GfK-Zahlen beruhen, und Auswertungen von GWAs, wie sie unter anderem Kim Ludolf Koch von RMC rinke medien consult vornimmt. Nahezu unverändert blieb der Anteil der Programmkinos: Wie schon 2004 waren fast zwölf Prozent aller Leinwände in Deutschland Arthouse-Kinos, über ein Viertel befand sich weiterhin in Großstädten. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl der einzelnen Bundesländer wies Berlin auch 2005 wieder die höchste Programmkinodichte auf. Eine Neuerung gibt es allerdings: Die Programmkinobesucher werden - gegen den demografischen Trend - kontinuierlich jünger. Die stärkste Besuchergruppe sind erstmals die 20- bis 29-Jährigen. Nach wie vor geht weiterhin die Generation 60plus in die Arthouse-Kinos.

Wege, wie sich noch mehr junge Leute für die Programmkinos finden lassen, wurden in dem Seminar "Auf zu neuen Zielgruppen" vorgestellt. Eine Aktion für ein jugendliches Programmkino sind die "Funky Luxe" des LUX aus Halle. Der Jugendklub ist aus Eigeninitiative der Mitglieder des Kinderklubs "Die kleinen Luxe" entstanden. Es gehe nicht um eine Marketingstrategie, betonte Kerstin Nebel vom Lux Kino: "Kinder und Jugendliche bekommen so eine Gestaltungsmöglichkeit." Diese Aufgabe nehmen die Funky Luxe auch sehr ernst: "Das Lux soll von unserer Arbeit profitieren", so Violetta Wendur. Einmal im Monat können die Mitglieder einen Film aussuchen und ihn präsentieren. Eine "florierende Idee" sei es noch nicht, so Wolfgang Burkart vom Lux Kino. Das Label helfe aber: So werden zum Beispiel Schulen auf das Kino aufmerksam.

Renate Schönhütte vom Zoom-Kino aus Brühl hat bereits Erfahrungen mit einem Jugendklub in ihrem Kino gemacht: Vor gut zehn Jahren gestaltete ein Klub wöchentlich ein Programm. "Man muss dort kontinuierlich für Nachwuchs sorgen", so Schönhütte. Ebenfalls eher zufällig entstand die Idee zu Movie Dates: Am Anfang organisierte Thomas Bastian vom Thalia in Potsdam kleine Speeddating-Veranstaltungen in seiner Gastronomie, unterstützt von der Agentur Nominell. Bei den Rückmeldungen hätten die Singles erstaunlich viel von sich erzählt: "Viele haben Hemmungen, allein ins Kino zu gehen", so Bastian. So entstand die Idee zum Datingportal movie-dates.de, das auch Kinoprogramme und eine Filmdatenbank beinhaltet. Ein Initiativkreis, unter anderem mit dem Thalia und dem Corso in Stuttgart, unterstützt die Idee. Im Zuge der Filmkunstmesse ging die Seite online - mit bislang 140 Kinos. Die Kinos wurden alle per E-Mail informiert, persönliche Gespräche sollen folgen. Kundenbindung und -gewinnung sind für Ben Dressel, Nominell, zentrale Punkte für die Kinobetreiber. Bonusaktionen über das Portal oder die Organisation von Speeddatings seien dann auch über das Portal möglich. Die Kinokooperative Dresden unterstützt Movie Dates ebenfalls im Initiativkreis. Der Zusammenschluss der Dresdner Kinos Programmkino Ost, Kino im Dach - KID und Thalia vermarktet sich aber auch selbst: "Wir haben das Rad nicht neu erfunden", so Sven Weser, Programmkino Ost. Neben einem gemeinsamen Programmheft und Auftritt gegenüber den Verleihern biete die Kinokooperative auch eine gemeinsame Ermäßigungskarte und ein Eingangsportal zu den Websites an. Die Kinobetreiber hatten auf die verstärkte Konkurrenzsituation reagiert. Die bewussten Programmkino-Besucher wüssten um die Konkurrenzsituation in der Stadt - besonders durch den Zusammenschluss, berichtet Weser: "Wir haben einen Bonus, weil wir uns als drei kleine Kinos gegen den Marktbeherrscher durchsetzen müssen." Äußeres Zeichen der Kooperative ist das gemeinsame Programmheft: "Mit einem 75-Platz-Saal könnte ich normalerweise ein so hochwertiges Heft nicht bezahlen", so Stephan Raack vom Thalia. Die Texte schreiben die drei Betreiber speziell auf ihr jeweiliges Kinopublikum zu, sogar wenn der gleiche Filme in unterschiedlichen Häusern läuft. Der Titel werde an Verleiher verkauft. Die Auflage des Programmhefts beträgt 5000 Stück wöchentlich, die Flyer werden professionell über ein Displaysystem verteilt - "sehr teuer, aber sinnvoll", fasst Weser zusammen. Das finanzielle Risiko der Betreiber wurde durch eine FFA-Förderung minimiert.