Film

Wim Wenders über das europäische Kino

07.12.2005 17:07 • von Jochen Müller
Wim Wenders||Wim Wenders hat sich als Protagonist des Neuen D eutschen Films seit den frühen siebziger Jahren mit Filmen wie "Der amerikanischen Freund" und "Paris, Texas" international einen Namen gemacht. Der vielfach ausgezeichnete "berufsmäßig Reisende", wie er sich selbst einmal nannte, arbeitet als Autor, Regisseur, Produzent und Fotograf. Er ist Gründungsmitglied des Filmverlags der Autoren und rief die Produktionsfirmen Road Movies und Reverse Angle ins Leben. Seit 1996 ist Wenders Präsident der European Film Academy. (Bild: Kurt Krieger)

Ist es der European Film Academy in den 17 Jahren ihrer Existenz gelungen, den europäischen Gedanken unter den Filmemachern spürbar zu verbreiten und eine Familie der europäischen Filmschaffenden zu formen? Das kann man bei unseren Preisverleihungen und Generalversammlungen jedes Jahr aufs Neue feststellen. Ich kenne keinerlei andere Treffen, wo so viel miteinander gelacht wird, wo so viele ehrliche Fragen nach dem gegenseitigen Befinden und den Projekten gestellt werden. Es gibt nach all den Jahren tatsächlich so etwas wie ein europäisches Familiengefühl.

Am Wochenende der Verleihung des Europäischen Filmpreises trifft sich die "Familie", was passiert da? Es wird vor allem viel miteinander geredet. Viele Kooperationen beginnen beim Filmpreiswochenende, weil es eine einzigartige Möglichkeit bietet, einmal richtig Zeit miteinander zu verbringen. Natürlich gibt es auch Anlass zur Unzufriedenheit, vor allem mit dem Anteil europäischer Filme am Markt. Aber wir sind kein Club der Jammerer, wir versuchen, selbstkritisch und optimistisch an die Dinge heranzugehen, die wir ändern wollen. Ändern kann man sie immer nur selbst - und solidarisch.

Welche Art der Lobbyarbeit macht die Europäische Filmakademie über das Jahr? Etwa bei der Europäischen Kommission, aber auch anderswo. Echte politische Lobbyarbeit überlassen wir den Lobbyisten und Interessenvertretungen. Unsere Mitglieder sind 1600 Individuen aus allen Bereichen des Films, die vor allem deshalb bei uns mitwirken, weil sie für das europäische Kino werben wollen.

Unterhalten Sie Beziehungen zur US-Filmakademie? Wir sind gerade dabei, ein Kooperationsnetz mit den nationalen Akademien in Europa aufzubauen. Daraus wird logisch und im Lauf der Zeit auch ein engerer Austausch mit der American Academy folgen.

Könnten Sie bitte noch einmal kurz die Ziele der EFA skizzieren? Die EFA hat zum Ziel, für das europäische Kino zu werben und es zu stärken, d.h., den Filmen unseres Kontinents über ihre nationalen Grenzen hinaus einem europäischen Publikum bekannt zu machen. Und sie fördert den Nachwuchs. Ich bin sicher: Ohne unsere langjährige Arbeit ginge es dem europäischen Kino heute definitiv schlechter.

Filme aus Nachbarländern haben es innerhalb Europas immer schwer. Haben nur Filme mit allgemeingültigem Anspruch und US-Anmutung eine Chance, das so genannte europäische Kino aber nur als Nischenprodukt? Das ist ein Phänomen, das leider nicht neu ist. Darüber könnte man stundenlang auf den verschiedensten Ebenen diskutieren. Das ist sicher eine Krise des bestehenden Vertriebssystems und nach wie vor eine Krise des multikulturellen und vielsprachigen Kino Europas, das aus vielen schwachen kleinen Filmnationen besteht und es schwer hat gegen die Macht des einen, größten Binnenmarkts, den die USA eben darstellen.

Wie nehmen Sie als jemand, der sehr viel in der Welt unterwegs ist, Europa wahr? Als einen Kontinent, auf den in den nächsten Jahren viel Verantwortung fallen wird, wenn die USA sich weiter so gebärden, dass es dort über kurz oder lang zu einer verheerenden Implosion kommen muss. Schon jetzt sind die sozialen und kulturellen Konflikte im Land selbst nicht mehr zu übertünchen. Ob der Schaden, den die Bush-Regierung in der Welt und zu Hause angerichtet hat, überhaupt reparabel ist, bleibt abzuwarten. Dagegen ist gerade Deutschland ein Hort von sozialer Gerechtigkeit, vor allem aber von politischer Kultur und von wohltuender Informiertheit. stei