Film

Network Movie verfilmt Courths-Mahler fürs ZDF

05.08.2004 12:25 • von Jochen Müller

"Ihr schreckt aber auch vor nichts zurück!" An diese erste Reaktion Hans Jankes, Fernsehfilm-Chef des ZDF, kann sich Reinhold Elschot noch genau erinnern, als er ihn von seinen Plänen einer Courths-Mahler-Verfilmung unterrichtete. Rund sechs Jahre ist es her, dass Elschot auf die zwischen 1867 und 1950 lebende Romanautorin aufmerksam wurde. Er befand sich zu Gesprächen über einen ganz anderen Stoff beim Lübbe-Verlag, und nur ganz beiläufig wurde in einem Nebensatz erwähnt, dass die Verfilmungsrechte am 208 Romane umfassenden Gesamtwerk Couths-Mahlers noch frei waren. "Kann man so etwas machen - Courths-Mahler als anspruchsvolle Fernsehunterhaltung erzählen?", diese Frage stellten sich anfänglich auch Reinhold Elschot und ZDF-Redakteur Daniel Blum, denn "Kitsch" oder "Schmonzette" sind Stichwörter, die viele unreflektiert mit der Autorin in Verbindung bringen, die es bislang weltweit zu einer Gesamtauflage von 80 Mio. Büchern gebracht hat. Produzent und Redakteur, durch viele gemeinsame Arbeiten wie die Lars Becker-Reihe "Nachtschicht" verbunden, sahen die Qualität eines erzählenswerten Stoffes.

"Sense & Sensibility" im Hinterkopf

Dieser Stoff nahm in der Entwicklung mit anderen Autoren allerdings viele Wege und Umwege: "Wir haben uns immer weiter vom Roman entfernt, und letztlich war es nicht mehr Courths-Mahler", erzählt Reinhold Elschot. Die entscheidende Kehrtwende nahm das Unterfangen, als Silke Zertz die Drehbücher vorgelegt bekam. "Ich konnte beim Lesen die Probleme nicht verstehen. Wir haben es mit einem romantischen, sentimentalen, frauenaffinen Genre zu tun, das allerdings in eine recht düstere Kriminalgeschichte umgewandelt wurde." Einen solchen Etikettenschwindel durfte man nach Zertz' Ansicht nicht betreiben. Mit ihren Fassungen fand man wieder zum Geist des Originales zurück. "Ein großer Anreiz bestand für mich darin, eine historisierende Sprache zu finden, die den Ton von Courths-Mahler behutsam modernisiert." Einige Figuren wurden anders gewichtet oder kamen neu hinzu. Wichtig war der Autorin, eine gewisse Heiterkeit und Frische anklingen zu lassen. "Die Geschichte durfte nicht melodramatisch im bleiernen Sinne werden, vielmehr hatte ich etwa 'Sense & Sensibility' im Hinterkopf".

In der Regiefrage fiel die Wahl sehr schnell auf Jörg Grünler, mit dem Sender und Produzent schon sehr gute Erfahrungen gemacht haben, zuletzt bei dem Zweiteiler "Die Rückkehr des Vaters" mit Vadim Glowna. "Jörg Grünler kann sehr große Bögen zwischen den Polen Emotion und Spannung erzählen. Außerdem hatte er sofort eine Vision, wie er den Stoff umsetzen wollte", erklärt Reinhold Elschot. "Man darf auch nicht unterschätzen, welcher Energieleistung und welcher organisatorischen Qualität es bedarf, ein 60-Mann-Team über drei Monate zu führen. Dafür war Jörg Grünler der ideale Steuermann", fügt Producer Malte Grunert an. Für Grünler selbst lag, neben der auch von ihm ausdrücklich erwähnten Qualität des Drehbuchs, ein besonderer Reiz in der Zeit, in der die Geschichte spielt. "Ich bin in meinen Filmen noch nie weiter zurück als bis 1945 gelangt." Ohne ganz konkret verankert zu sein, spielt "Durch Liebe erlöst" in der Zeit, in der sich das Ende der ständischen Gesellschaft allmählich ankündigt. "Wie hat damals eine Gesellschaft funktioniert, wie ein Schloss", sind Belange, die der Regisseur zeigen möchte; dies geschieht vor allem über die Figuren, etwa die Bediensteten, die sich in ihrem Verhalten bisweilen überhaupt nicht von ihren adligen Vorgesetzten unterscheiden. "Das erinnert ein bisschen an 'Eton Place'", merkt Grünler dazu an. Auch Ansätze einer (Frauen)Emanzipationsgeschichte sind enthalten. Den Hauptplot bildet - knapp umrissen - die Liebesgeschichte zwischen einem innerlich zerrissenen Grafen, der glaubt ein Mörder zu sein, und einer jungen Frau, die als Erzieherin seiner kleinen Schwester auf seinem Schloss arbeitet.

Die Herausforderung besteht für alle Beteiligten darin, einen für die heutige Zeit relevanten Film abzuliefern. "Das steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit der Geschichte", sagt Daniel Blum, "und die erreichen wir insbesondere auch durch die Exzellenz der Schauspieler." Dass sich auch dieses entscheidende Mosaik trefflich ins Gesamtwerk einfügte, war das Verdienst von Casterin Nessie Nesslauer. "Sie hat den Stoff zu ihrer Sache gemacht", lobt Reinhold Elschot. Zustande kam eine interessante Mischung aus populären Schauspielern wie Tim Bergmann, Natalia Wörner, Fritz Karl oder Devid Striesow (nach "Lichter" zum Schauspieler des vergangenen Jahres gewählt), aber auch aus neuen Gesichtern, "Entdeckungen, die es zu machen gilt," so Daniel Blum. Das trifft für Hauptdarstellerin Pauline Knof in ihrer ersten großen Rolle ebenso zu, wie für Paula Kalenberg (als kleine Schwester des Grafen) oder Jana Klinge, die in Prag ihren ersten Drehtag überhaupt hatte.

Motivreichtum in Prag

Für Prag als Schauplatz sprach neben den hervorragend ausgebildeten Filmschaffenden und dem Kostenfaktor (trotz spürbarer Hollywood-Einflüsse) die Fülle und Normalität der historischen Motive. Neben zwei Schlössern ragte darunter vor allem ein historischer Zirkus heraus, der in der Geschichte eine dramaturgisch wichtige Rolle spielt und als düstere, geheimnisvolle Welt einen Gegenentwurf zur bürgerlichern Gesellschaft darstellt. Das imposante Motiv entstand mitten in Prag auf einem alten Messeplatz. Das Zelt wurde aus Italien bezogen, die historische Fassade und zahlreiche Wägen wurden neu gebaut. Als Serviceproduzent vor Ort arbeitete Network Movie mit Filip Herings Wilma Film zusammen. "Ein idealer Partner", findet Reinhold Elschot, "vor allem auch deshalb, weil Filip Hering durch seine langjährige Tätigkeit in Deutschland unsere Bedürfnisse genau kennt." Zwischen Mai und Juli wurde letztlich an 58 Tagen in und um Prag gedreht. Das Budget beläuft sich auf 4,6 Mio. Euro, darunter 850.000 Euro Fördergelder der Filmstiftung NRW.

Die ersten die sich von filmischer Seite an Courths-Mahler herangewagt haben, sind Reinhold Elschot und sein Team indes nicht. Aus den siebziger Jahren gibt es Verfilmungen von keinen geringeren als Peter Beauvais und Tom Toelle. Network Movie hat das Gesamtwerk der Autorin optioniert und wird im Erfolgsfall weitere Filme produzieren. Und Hans Janke ist sich sicher: "Ihr Stoff ist ewig, und ihre Romane bieten sich zur Verfilmung an", so seine Erkenntnis, "zur gewitzten, aufwendigen, sorgsamen Verfilmung, die das Historische erhält und doch hoffentlich hübsch von heute ist."