Film

"Actionszenen sind das Höchste"

16.10.2003 20:17 • von Barbara Schuster

Blickpunkt:Film: Ursprünglich sollte "Kill Bill" als ein Film ins Kino kommen. Warum wurden zwei Teile daraus?

Quentin Tarantino: Moment mal, wir sind hier doch in Deutschland! Regisseure wie Fritz Lang haben hier das Zwei-Filme-Geschäft quasi erfunden. Ich erinnere nur an "Die Nibelungen" und "Dr" aus den Zwanzigern. Ich bin sehr glücklich mit der Entscheidung, "Kill Bill" in zwei Teilen herauszubringen.

BF: Wurden Sie von den Produzenten Harvey und Bob Weinstein dazu gedrängt oder war es Ihr eigener Vorschlag?

QT: Als ich Harvey die erste Fassung zeigte, sagte ich: Entweder ist dies die erste Hälfte des Films oder es ist der erste Film. Wenn es nur um die Länge gegangen wäre, hätte man "Kill Bill" auch als dreistündige Fassung ins Kino bringen können. Das wäre kein Weltuntergang gewesen, aber ich dachte, dass der normale Zuschauer nach dem blutigen Kampf zwischen Uma Thurman und Lucy Liu eine längere Pause bräuchte, um eine Überdosis zu vermeiden. Ich setze Filme gern mit Drogen gleich, und als Movie-Junkie habe ich kein Problem, mir "Kill Bill" in einem Stück anzusehen. Davon abgesehen, glaube ich, dass man sich "Kill Bill" sowieso in verschiedenen Varianten ansehen kann.

BF: Erklären Sie das genauer.

QT: Ich war ein großer Fan dieser Kurzfilmserien am Samstagnachmittag, die mit einem Cliffhanger endeten. Wenn es für solche Formate noch einen Markt geben würde, könnte man "Kill Bill" in zehn Teile zerlegen und vor dem Hauptfilm zeigen. Mein Film ist tatsächlich so angelegt. Nun sind zwei Teile daraus geworden. Wenn sie auf DVD veröffentlicht werden, kann sowieso jeder selbst bestimmen, wie er sich "Kill Bill" ansehen möchte.

BF: Sie waren bereit, ein Jahr zu warten, um die damals schwangere Uma Thurman als Hauptdarstellerin zu besetzen. Warum kam nur sie in Frage?

QT: Das kann ich nicht wirklich beantworten. Ich habe das Drehbuch für Uma Thurman geschrieben. Sie ist für mich so etwas wie die Dietrich für Josef von Sternberg war.

Ich wollte sie in ihrer ganzen Pracht als Filmstar präsentieren. BF: Standen Sie sechs Jahre nach "Jackie Brown" unter einem starken Erwartungsdruck?

QT: Ich finde, Erwartung und Druck sind zwei verschiedene Dinge. Jeder Regisseur steht unter immensem Druck, wenn es um Qualität, Zeit und Geld geht - egal, ob du Francis Ford Coppola heißt und "Apocalypse Now" drehst oder eine Folge von "Kommissar Rex". Mit Erwartungen verbinde ich etwas Positives: Ich will, dass die Leute neugierig sind und die Tage zählen, bis der neue Film ins Kino kommt. Das macht Kino so aufregend, auch wenn es nur drei Regisseure gibt, auf deren neue Werke man sehnsüchtig wartet.

BF: Sicherlich haben Sie damit gerechnet, dass man Sie wegen Gewaltverherrlichung angreift.

QT: Wer sich meine Filme ansieht, wird feststellen, dass ich eine gewisse Wut in mir habe, die ich dadurch auslebe. Gleichzeitig ist das eine der Zündkerzen in meinem Motor, der mich antreibt. Aber im Grunde will ich nur, dass die Zuschauer eine gute Zeit im Kino haben, und "Kill Bill" ist in dieser Hinsicht nicht mehr als ein großer Spaß.

BF: Dennoch mussten Sie Zugeständnisse machen und einen Teil der großen Kampfszene in der Kneipe in Schwarzweiß zeigen.

QT: Das gilt nur für den westlichen Filmmarkt, weil ich mir nicht sicher war, wie viel die Zuschauer ertragen würden. Für den asiatischen Markt haben wir es anders gemacht. Ich habe schon viele japanische, chinesische und koreanische Filme gesehen und kann einschätzen, was das Publikum gewohnt ist. Diese Vorgehensweise ist nicht neu: Einzelne Länder wurden schon immer mit verschiedenen Versionen von Samurai-Spektakeln, Spaghetti-Western oder Exploitation-Filmen versorgt.

BF: Sie sollen besonders durch die Hongkong-Filme der Shaw-Brothers inspiriert worden sein.

QT: In gewisser Weise ist "Kill Bill" eine Hommage an all die Filme, die ich schon als Kind gern gesehen habe. Das waren aber nicht nur Kung-Fu-Filme, sondern auch Western.

BF: Es scheint, als wollten Sie mit "Kill Bill" Ihre Kinoerfahrungen übertreffen.

QT: Bestimmt, denn darin bestand für mich der Reiz. Actionregisseure waren für mich die ultimativen Vorbilder, und Actionszenen sind das Höchste, was Kino zu bieten hat. Weder Literatur noch Theater können das leisten. Ich denke dabei nicht nur an Kung-Fu-Filme, sondern auch an den Hubschrauberangriff aus "Apocalypse Now", den Showdown aus Sergio Leones "Zwei glorreiche Halunken" oder die Restaurant-Schießerei aus Michael Ciminos "Im Jahr des Drachen". Das ist Kino in seiner höchsten Form. "Kill Bill" war für mich der Test, ob ich zu dieser Liga gehöre oder nicht.