Film

Grube und Sánchez Lansch dirigieren mit Simon Rattle: Klassik als neues Musikfilmerlebnis

07.05.2003 16:30 • von Jochen Müller

Für "Welcome Sir Simon - Rhythm Is It!" begleiteten die Regisseure Grube und Enrique Sánchez Lansch die Berliner Philharmoniker und ihren Chefdirigenten Sir Simon Rattle in ihrer ersten gemeinsamen Saison während der Proben zu Igor Strawinskys "Le sacre du printemps". Damit versuchen Rattle und sein Orchester, Begeisterung für klassische Musik auf breiter Basis zu schaffen. Education-Projekte bilden das Herzstück. So wurde "Le sacre du printemps" mit 300 Kindern und Jugendlichen aus Berliner Brennpunktschulen einstudiert. Ein Großteil von ihnen hatte keinerlei Tanzerfahrung. "Das Projekt verdeutlicht die Auseinandersetzung darüber, wie wichtig Kultur für unser Über- und Zusammenleben ist", sagt Grube zu einem wesentlichen Aspekt der Education-Projekte und des Films. Zugleich dokumentiert "Welcome Sir Simon - Rhythm Is It!" das Zusammenwachsen des 128 Köpfe starken Orchesters mit ihrem Chefdirigenten, den sie als einziges großes Orchester der Welt selbst bestimmen können. Zum ersten Mal erlaubte das Orchester so umfangreiche Aufnahmen während eines gesamten Probenprozesses. "Unser großes Vorbild ist Leonard Bernsteins Dokumentation 'Recording of West Side Story'", so Grube, der auch Baz Luhrmanns Verknüpfung von Bild und Musik als Vorbild nennt. "Unsere Vision ist, dass man im Kino sitzt, vom Surroundsound gefangen ist, während auf der Leinwand ein visuelles Feuerwerk zu sehen ist", beschreiben die Regisseure ihre Vision des Films, den Salzgeber 2004 in die Kinos bringen wird.

Die Kameramänner René Dame und Marcus Winterbauer haben die Proben an 45 Tagen mit vier HD-Kameras begleitet. Bedingt durch Abbrüche und Wiederholungen sind so zwölf unterschiedliche Perspektiven auf die Entstehung des Gesamtwerkes entstanden. Die Proben mit den Kindern wurden mit zwei DV-Kameras aufgenommen, um möglichst flexibel zu sein. Um in der Postproduktion den kompletten Spielraum bei der Farbkorrektur zu erhalten und formatgegebene Schwächen zu umgehen, wurden die Bilder so neutral in Farbe und Kontrast wie möglich aufgenommen. Der Dreh begann ohne ein klassisches Drehbuch. Erst im dreimonatigen Verlauf der Dreharbeiten setzten sich die Geschichten der Figuren zusammen. Das eigentliche Drehbuch entstand nach Ende des Drehs und bildete die Basis für den Bildschnitt, dessen genaue Planung außerhalb des AVID erfolgt. Wichtig ist den Machern der Blick auf die Gesichter der Menschen und nicht so sehr auf die Führung der Instrumente.

Das 35-minütige, auf 32 Spuren aufgenommene Musikstück "Le sacre du printemps" bildet das Kernstück des 90-Minuten-Films. Das Bildmaterial umfasst über 200 Stunden und soll für DVD und Video, für Publikationen mit Transskripten der Musikerinterviews sowie für Bilddokumentationen ausgewertet werden. Außerdem wird es eine 60-minütige TV-Version geben. Produzent ist Uwe Dierks (BoomtownMedia). Als Koproduzent fungiert Frank Evers (Cine Plus). Das Filmboard Berlin-Brandenburg förderte das Projekt, an dem SFB und Arte beteiligt sind. Den Weltvertrieb übernimmt SND Films Amsterdam.